EDITION: October - December 2021

Auf dem Weg zur Vier-Tage-Woche

Von Jerry Brownstein
In den letzten Jahrzehnten haben Globalisierung, Automatisierung, Digitalisierung und Outsourcing das Arbeitswesen drastisch verändert. Dennoch halten wir immer noch an einem Zeitplan für Arbeitnehmer fest, der auf die Wirtschaftslage vor einem Jahrhundert zugeschnitten war. Vielleicht ist es endlich an der Zeit, das zu ändern. Unternehmen in verschiedenen Ländern haben mit einer Vier-Tage-Woche für ihre Beschäftigten experimentiert, in der Hoffnung, dass sich dadurch sowohl die Gewinne als auch die Zufriedenheit der Arbeitnehmer verbessern lassen. Das Interesse an diesem Konzept wurde durch die Tatsache verstärkt, dass viele Menschen aufgrund der Covid Beschränkungen von zu Hause aus arbeiten mussten. Dies eröffnete ihnen und ihren Arbeitgebern eine neue Perspektive für die Entwicklung einer gesünderen Vision für das zukünftige Gleichgewicht von Arbeit und Freizeit. In den letzten Jahren haben eine Reihe von Unternehmen verschiedene Möglichkeiten zur Verkürzung der Arbeitszeit – bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Produktivität – ausgetestet, und nun haben auch mehrere fortschrittliche Regierungen begonnen, sich ernsthaft mit dieser Situation zu befassen.

Die schottische Premierministerin Nicola Sturgeon hat ein Programm eingeführt, das es Unternehmen ermöglichen soll, die Vorteile einer viertägigen Arbeitswoche zu erkunden, und die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern hat eine ähnliche Initiative unterstützt. Island hat große Fortschritte bei der Verwirklichung dieses Konzepts gemacht, aber hier in Spanien wird die kürzere Arbeitswoche am stärksten begutachtet. Spanien ist das erste Land der Welt, das dieses Konzept mit einem im September 2021 gestarteten Pilotprojekt umfassend getestet hat. Mehrere hundert spanische Unternehmen haben sich freiwillig beteiligt, indem sie die Wochenarbeitszeit ihrer Beschäftigten bei gleichbleibenden Gehältern auf 32 Stunden verkürzt haben. Es wird Flexibilität geben, da einige Arbeitnehmer vier volle Tage arbeiten werden, während andere es vorziehen könnten, ihre 32 Stunden auf fünf Tage zu verteilen. Die Regierung wird die teilnehmenden Unternehmen für etwaige höhere Kosten entschädigen, die durch die Änderungen entstehen. Diese Investition wird aus dem spanischen Anteil am EU-Fonds zur Bekämpfung des Corona-Virus finanziert, das Projekt könnte bis zu 50 Millionen Euro kosten.



Die bisherigen Erfahrungen mit der Vier-Tage-Woche waren vielversprechend. Als Microsoft Japan dies 2019 ausprobierte, stieg die Produktivität um 40 Prozent, und 92 Prozent der Mitarbeiter gaben an, dass sie zufriedener seien. Das spanische Technologieunternehmen Software Delsol begann 2020 mit der Vier-Tage-Woche, und die Fehlzeitenquote sank um 28 Prozent, während der Umsatz um 25 Prozent stieg. Der neue Plander spanischen Regierung ist jedoch etwas ganz anderes – ein landesweites, von der Regierung unterstütztes Programm, das mehr auf die Verbes- serung der öffentlichen Gesundheit als auf die Steigerung der Gewinne abzielt. Wenn es erfolgreich ist, könnte es weltweit positive Auswirkungen haben. Diese Art von innovativer Initiative ist wichtig in unserer modernen Welt, in der das Internet den Unterschied zwischen Arbeit und Leben verwischt hat – ein Trend, der durch die Pandemie noch beschleunigt wurde. "Die Vier-Tage-Woche wurde noch nie auf dieser Ebene getestet“, sagt Héctor Tejero, politischer Koordinator von Más País, der linken Partei, die den Vorschlag gemacht hat. „Bis jetzt gibt es nur bruchstückhafte Beweise und Untersuchungen aus unterschiedlichen Ländern.“



Vor diesem spanischen Programm wurde die Arbeitszeitverkürzung am intensivsten in dem kleinen Land Island getestet. Als Reaktion auf Forderungen von Gewerkschaften und Basisorganisationen nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie führte die isländische Regierung zwischen 2015 und 2019 eine Reihe von Versuchen durch, um die Wirksamkeit einer kürzeren Arbeitswoche zu testen. Die Versuche betrafen verschiedene Branchen und verschiedene Möglichkeiten der Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnsenkungen. Die Ergebnisse waren äußerst positiv: Die Arbeitnehmer berichteten, sie seien glücklicher, gesünder, weniger gestresst und hätten mehr Zeit für Freizeitaktivitäten. Aus Sicht der Arbeitgeber gab es keine Produktivitätseinbußen, in einigen Branchen stieg sie sogar an.



Die isländische Regierung kam zu dem Schluss, dass kürzere Arbeitszeiten nicht nur die Arbeitsmoral der Arbeitnehmer verbessern, sondern sie auch dazu anspornen, ihre Zeit am Arbeitsplatz effizienter zu nutzen. Sie waren froh, mehr Zeit und Energie für ihr Privatleben zu haben, und diese positiven Gefühle machten sie zu besseren Arbeitskräften. Die Ergebnisse dieser Versuche führten zu einer vollständigen Umstrukturierung der isländischen Arbeitnehmerschaft. Bis zum Jahr 2021 hatten 86 Prozent der Arbeitnehmer des Landes entweder kürzere Arbeitszeiten oder das Recht, über eine geringere Arbeitszeit zu verhandeln.

Die Mitarbeiter sind nicht nur zufriedener, sondern arbeiten auch effektiver



In praktisch allen Fällen, in denen eine kürzere Wochenarbeitszeit erprobt wurde, waren die Vorteile für die Arbeitnehmer erheblich. Sie hatten mehr Zeit für ihr Privatleben und ihre Familie – und mehr Energie für ihre berufliche Entwicklung, erholsame Hobbys und Sport. Dieser wachsende Trend ist sehr dynamisch, und viele große Unternehmen schließen sich ihm an. Der Konsumgüterriese Unilever testet in Neuseeland eine Vier-Tage-Woche, indem er seinen Mitarbeitern 20 % weniger Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich gewährt. Nick Bangs, der Geschäftsführer, meint dazu: „Die alten Arbeitsmethoden sind überholt. Im Grunde geht es hier um ein ganzheitliches Verständnis davon, wie Arbeit und Leben so zusammenpassen, dass das geistige und körperliche Wohlbefinden verbessert wird.“

Unternehmen auf der ganzen Welt stellen fest, dass ihre Mitarbeiter durch die Umstellung auf eine Vier-Tage-Woche nicht nur zufriedener sind, sondern auch effektiver und konzentrierter arbeiten. Es ist eine Win-Win-Situation, die zu höherer Produktivität und Kreativität, besserer Rekrutierung und Mitarbeiterbindung, weniger Burnout und einem ausgewogeneren Leben für die Beschäftigten führt - und das alles ohne Gehaltskürzungen oder Abstriche beim Kundenservice. Ein typisches Beispiel dafür, wie sich dies in der Praxis anfühlt, stammt vom Online-Verlag 3D Issue, der 2020 auf eine Vier-Tage-Woche umgestellt hat. CEO Paul McNulty sagt, dass er seinen Mitarbeitern vor der Umstellung die Wahl zwischen einer Gehaltserhöhung oder einer verkürzten Arbeitszeit ließ, und sie stimmten für Letzteres. Die Ergebnisse waren sofort sichtbar: „Die Leute waren sofort zufriedener, und zufriedene Leute arbeiten besser.“ Es scheint, als wäre dies eine Idee, deren Zeit reif ist.