AUSGABE: Oktober - Dezember 2019

Schlangen auf Ibiza

Von Jerry Brownstein
Über Jahrhunderte hinweg war Ibiza bekannt dafür, eine Insel ohne Schlangen zu sein. Aber das ist nicht mehr der Fall. In den vergangenen 15 Jahren haben Tausende dieser glitschigen Kreaturen die Insel zu ihrem Zuhause gemacht, und sie verändern das Gleichgewicht der Natur. Wie konnte das passieren und was wird dagegen getan? Um sich ein Bild machen zu können, sollten wir in die Vergangenheit der Insel zurückreisen. Vor 2.800 Jahren kamen die ersten Siedler auf die Insel, die Phönizier. Diese gaben der Insel den Namen Ibosim, was die Insel des Bes bedeutet, der ein antiker phönizischer Gott war. Laut der Historikerin Emily Kaufman war Bes „ein Gott, der gerne Spaß hatte und den zwei Charakteristika auszeichneten: Er konnte Schlangen und andere giftige Tiere vertreiben und er liebte das Tanzen“. Es heißt, dass Ibizas erste Siedler so beeindruckt davon waren, dass es keine Schlangen gab, dass sie diesen Umstand der göttlichen Kraft des Bes zuschrieben. Einen weiteren Beweis für die Nicht-existenz von Schlangen auf der Insel lieferte der berühmte römische Naturalist Plinius der Ältere, der vor 2.000 Jahren darüber geschrieben hat.

„Über Jahrhunderte war Ibiza berühmt, frei von Schlangen zu sein”

Bis 2003 änderte sich daran nichts, doch dann wurden auf der Insel die ersten Schlangen gesichtet. Zu Beginn schien es eher eine Ausnahme zu sein, vielleicht verursacht von jemandem, dem einige Schlangen entwischt waren, doch die Angelegenheit entpuppte sich als weitaus ernster. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts war auf der Insel ein Bauboom ausgebrochen, viele luxuriöse Häuser und Resorts entstanden. Als Dekoration für deren Gärten und Grundstücke wurden zahlreiche Olivenbäume vom Festland importiert. Was die Importeure nicht wussten: Mit diesen Bäumen reisten auch diverse Schlangenarten ein. Denn uralte Olivenbäume haben unzählige Löcher und Verstecke in Stämmen und Wurzeln, in denen sich die Schlangen verbergen konnten. Man geht davon aus, dass sich die Reptilien im Winterschlaf befanden, als die Bäume auf die Insel transportiert wurden. Und erst nachdem die Bäume gepflanzt worden waren, verließen sie ihre Verstecke.

Mindestens drei Spezies sind in den letzten 15 Jahren auf Ibiza eingezogen. Die Hufeisennatter (Hemorrhois hippocrepis) ist diejenige, die die meisten Probleme bereitet. Es handelt sich um eine etwa anderthalb Meter lange, schmale Schlange, auf deren Rücken sich Punkte aneinanderreihen. Die gute Nachricht ist, dass diese Schlange nicht giftig ist. Falls man versucht, sie zu fangen, könnte sie beißen, aber für Menschen stellt sie keine große Bedrohung dar. Was man von den für Ibiza so typischen Eidechsen nicht behaupten kann. Diese harmlosen, grünen Eidechsen machen mehr als die Hälfte der Schlangennahrung aus. Und aufgrund dieser neuen Feinde ist die Eidechsenpopulation gefährdet. Die Ökosysteme der Insel sind durch invasive Spezies besonders bedroht, da sie sich in der Isolation entwickelt haben. Und neue Spezies vermehren sich oft schnell, weil sie keine natürlichen Feinde fürchten müssen. Genau das ist auf Ibiza passiert.



Die Situation ist eine ernste Bedrohung für die Biodiversität der Insel, auch schadet sie dem touristischen Image. Nachdem zu Beginn wenig gegen die Schlangen unternommen wurde, hat die Regierung nun bei deren Bekämpfung eine aktive Rolle übernommen und ein Programm aufgestellt, das 2016 startete. Die Einfuhr von Olivenbäumen ist mittlerweile besser reguliert und das Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Fischfang hat mehr als 1.000 Schlangenfallen auf Ibiza und Formentera aufstellen lassen. In den meisten dieser Fallen dienen lebendige Mäuse als Köder. Diese sind allerdings nicht in Gefahr, da die Schlangen gefangen werden, bevor sie die Maus erreichen. Zugegeben, diese Fallen sind sehr effektiv, aber vielleicht könnte man ein menschlicheres System erfinden, bei dem die armen Mäuse nicht so in Angst und Schrecken versetzt werden.

„Die Eidechsenpopulation ist bedroht”

In den ersten vier Monaten dieses Jahres wurden bereits über 700 Schlangen gefangen, davon 130 auf Formentera. Übrigens weitaus weniger als im Vorjahreszeitraum, in dem 337 Schlangen in die Falle gingen. Nach Angaben von Miquel Mir, dem Direktor von „Espais Naturals i Biodiversitat“, ist dies ein Indikator dafür, dass die Arbeit Erfolg hat. Da mehr Fallen aufgestellt, aber weniger Schlangen gefangen wurden, sei es wahrscheinlich, dass man die Schlangenpopulation bereits beträchtlich habe reduzieren können. Hoffen wir mal, dass diese Fangaktionen für Residenten, Urlauber – und natürlich die Eidechsen – tatsächlich Entspannung bringen werden.  

„Das Tilgungsprogramm scheint zu funktionieren”

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