AUSGABE: Oktober - Dezember 2019

Selim - Kunst aus Leder

Von Krishna Dias
Selim ist ein Magier, wenn es darum geht, aus Leder Kunstwerke herzustellen. In seiner Jugend reiste er durch viele Länder, aber auf Ibiza fand er sein wahres Zuhause und die Inspiration für seine einzigartigen, detailverliebten Arbeiten. Seine Kunstwerke befinden sich in renommierten Sammlungen in Europa, Japan und den USA. Seit einem halben Jahrhundert lebt Selim auf Ibiza und kann viel erzählen über die frühe Zeit der Insel und die Veränderungen, die eingezogen sind. Um sein „goldenes Ibiza-Jubiläum“ zu feiern, hat er uns etwas über seine Arbeit und Lebenserfahrungen erzählt.

Wie bist Du nach Ibiza gekommen?
Als ich jung war, lebte und arbeitete ich in Madrid, aber das Leben dort gefiel mir nicht. Deshalb habe ich mich entschieden, es auf Ibiza zu versuchen. Schon beim ersten Blick aus dem Flugzeug verliebte ich mich in die Insel. Und ich wusste, das ist mein Platz. Es war die Hippiezeit, und ich liebte sie!

Wie war die Insel damals?
Sie war sehr provinziell, sehr ruhig. Es gab kaum asphaltierte Straßen und nur wenige Einwohner. Die Insel war wie ein großer Garten ohne Zäune. Geld war knapp, deshalb gab es auch kaum Diebe. Und diejenigen, die etwas stahlen, wurden sofort aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Es gab kaum Polizei, nur zwei Guardia Civil-Beamte in San Juan. Mehr waren aber auch nicht notwendig. Alles war humaner, das Leben war einfacher. Die Insel war für uns natürlich anders als für diejenigen, die hier schon immer gelebt hatten. Für sie waren die Inselgrenzen eine geographische und mentale Einschränkung, nur selten verließ einer von ihnen die Insel. Aber für uns gab es auf Ibiza all das, was in der Außenwelt verlorengegangen war. Aber dann kam die Außenwelt hierher, daran können wir nichts ändern. Das ist die menschliche Natur.


Was auf der Insel hat Dich noch begeistert?
Es war eine einfache und offene Gesellschaft, das Leben war friedlich und gelassen. Man konnte mit wenig Geld auskommen, musste aber nie auf etwas verzichten, was man wirklich benötigte. Die Kommunikation war besser, alle kannten und halfen sich. Einige hatten ihre Meinungsverschiedenheiten, doch die Angelegenheiten wurden friedlich und diplomatisch gelöst. Das hat sich heute in vielerlei Hinsicht verändert. Der Wandel liegt in der Natur der Dinge, aber der Charakter der Insel hat in einigen Belangen gelitten.

Womit begannen Deiner Meinung nach diese Veränderungen?
In gewisser Weise denke ich, dass die Ankunft derer, die hierher auswanderten, einen großen Einfluss hatte, weil wir Bedürfnisse, Bräuche und Dinge mitbrachten, die die Umwelt veränderten. Später zogen Geldgier und Kapitalismus ein und veränderten alles. Schritt für Schritt hat die Gesellschaft ihre wahren Werte verloren.

Welcher Ort ist Dein Lieblingsplatz?
Glücklicherweise ist es mein Haus in Benirrás. Im Laufe der Zeit hat sich mein Bedürfnis verringert, auszugehen. Hier finde ich Frieden. Die Straßen sind gefährlich geworden, es gibt mehr Autos als Menschen. Das ist einer der Gründe, warum ich lieber zuhause bleibe.


Du bist Spanier, aber Dein Name ist Arabisch?
Selim ist nicht der Name, der in meinem Ausweis steht. Aber ich werde seit vielen Jahren so genannt. Den Namen habe ich einst im Süden Algeriens erhalten. Bei meinem Aufenthalt fiel mir auf, dass sie immer das Wort „Selim“ benutzen, wenn sie über mich sprachen, deshalb fragte ich nach, was das bedeutet. Sie sagten, es bedeute „unversehrt“ oder „unbeschädigt“, und ich dachte, das passt zu mir. Seitdem nennen mich alle Selim, sogar meine Mutter!

Du hast ein beeindruckendes Talent, Leder zu bearbeiten. Wie bist Du auf die Idee gekommen, derart besondere Stücke herzustellen?
Ein Freund fragte mich, ob ich ihm helfen wolle, an einer Bestellung für einige Taschen mitzuarbeiten – und das gefiel mir. Ich kaufte Werkzeuge und Leder und begann mit der Arbeit. Später traf ich Gerhard, der einen ganz individuellen und originellen Stil hatte. Er stellte ganz besondere Objekte aus Leder her, die mich faszinierten. Ich freundete mich mit ihm an, sah, was er machte und lernte, wie man wirklich mit Leder umging. Ich liebe Leder, denn es ist vielseitig verwendbar und sehr edel. Es ist eines der Materialien, die Menschen auf dem Weg zur Zivilisation verwendet haben.

Erzähl mir über Deine Arbeiten, wo kann ich sie sehen und kaufen?
Hauptsächlich sind meine Stücke ästhetisch als auch funktional, dekorativ, aber auch nützlich in unserem Leben. Ich habe zudem einige interessante Möbelstücke hergestellt. Da ich in Rente bin, befindet sich meine persönliche Sammlung nun bei mir Zuhause. Aber wer etwas bestellen möchte, kann mich über meine Internetseite „selim.es“ kontaktieren. Dieses Jahr habe ich mein 50-jähriges Inseljubiläum gefeiert und aus diesem Grund im Club Diario de Ibiza Ende September eine Ausstellung präsentiert, wo ich meine persönliche Sammlung gezeigt habe.


Gibt es etwas auf Ibiza, was Du nicht magst?
Naja, da es einige Dinge gibt, die ich an mir selbst nicht mag, gibt es immer Sachen, die mir nicht perfekt erscheinen. Das ist Teil des Lebens. Wenn Du arm bist, möchtest Du reich sein, das verstehe ich. Aber ich kann nicht begreifen, dass man reicher werden möchte, wenn man schon reich ist. Im Laufe der Jahre siehst du viele Dinge, die du nicht magst, aber man muss akzeptieren, dass das Leben eben so ist. Es ist besser, nicht zu urteilen. Jeder hat seine eigene Wahrheit und Meinung.

Was an Ibiza gefällt Dir besonders?
Das Klima, die Leute, das Multikulturelle. Ich sitze gerne mit Menschen an einem Tisch, die viele unterschiedliche Sprachen sprechen. Es existiert immer noch das Gefühl, dass niemand besser ist als der andere. Das mag ich sehr.

Hast Du eine Botschaft, die Du mit unseren Lesern teilen möchtest?
Was auch immer man macht, man sollte es gut tun. Und man sollte ein guter Nachbar sein und die Insel respektieren. Diese Dinge sind grundlegend, denke ich.