AUSGABE: April - Juni 2019

Ibizas Geschichte - Teil 7: Die Mauren

Von Emily Kaufman
Der Einzug der maurischen Kultur im Jahr 902 brachte frischen Wind auf eine Insel, die seit dem Rückzug der Byzantiner irgendwann im 7. Jahrhundert ohne etablierte Regierung dahinsiechte und im Meer des Vergessens herumtrieb. Über den geopolitischen Status Ibizas in dieser dunklen Epoche gibt es deshalb keine genauen Erkenntnisse. Theoretisch war die Insel zwar noch ein Satellit des östlichen römischen Reichs, doch sprechen die wenigen archäologischen Funde aus dieser Zeit eine andere Sprache: Diese materiellen Überbleibsel weisen auf eine schwer vorstellbare Isolation hin, auch schriftliche Bezugnahmen zur Insel gab es nicht. Dokumente erwähnen nur die Balearen im Allgemeinen und immer wieder wird auf die geringe Besiedelung des Archipels hingewiesen. So kann man vermuten, dass Ibiza ein verschlafenes Nest mit niedrigem Lebensstandard war.

In dieser Epoche der Geschichte begann in Arabien der Aufstieg einer dynamischen neuen Zivilisation, die im westlichen Mittelmeer an Einfluss gewann. Nach dem Fall des römischen Reichs sollten die islamischen Mauren im Laufe der nachfolgenden fünf Jahrhunderte im Bereich der Wissenschaft, der Staatsführung, der Medizin und der Kunst höchstes Niveau erreichen und verbreiten. Vom 8. bis zum 11. Jahrhundert weiteten sie ihr spanisches Territorium, das als Al-Andalus bekannt wurde, auf etwa Dreivierteln der iberischen Halbinsel aus. Córdoba war die Hauptstadt. In den ersten zweihundert Jahren ihrer Herrschaft wurden die kaum entwickelten östlichen Inseln, die Balearen, nicht als lohnenswerte Territorien betrachtet.



Allerdings gehen Experten nach neueren, wichtigen Entdeckungen – auf Formentera wurden maurische Münzen ausgegraben – davon aus, dass es schon vor der offiziellen Eroberung Anfang des 10. Jahrhunderts Kontakte zwischen Mauren und Balearen-Bewohnern gegeben haben muss. Wie der winzige Schatz in die Erde der kleineren Pitiyuseninsel gelangte, ist nicht geklärt, doch stellt er definitiv unter Beweis, dass es schon im 8. Jahrhundert – in der Zeit, als das Umayyaden-Kalifat Hispanien eroberte –, einen Austausch zwischen Nordafrika und den Balearen gegeben haben muss. Zwar mangelt es an detaillierten Informationen, aber es ist anzunehmen, dass die Insulaner den Mauren Abgaben zahlten und dass die Baleareninseln, obwohl sie nicht unter direkter maurischer Oberhoheit standen, doch unter deren Einfluss waren. Auch ist es aufgrund der fast fehlenden Ton- und Keramikwaren offensichtlich, dass die Mauren auf Ibiza nur vorübergehend präsent gewesen sein können. Dies heißt, dass sie die Balearen nicht vollständig besetzt hielten.

902 fand dann – fast wie aus dem heiterem Himmel – die formelle militärische Eroberung statt. Die treibende Kraft hinter dieser Offensive war das Emirat von Córdoba (756-929), ein unabhängiges politisches Machtsystem, das von einem Zweig der Umayyaden-Dynastie geführt wurde. Warum aber entschied sich das Emirat nach Jahrhunderten relativer Indifferenz dazu, die Balearen in ihr Reich zu integrieren? Schuld war ein Sturm, in den der maurische Edelmann Isam al-Jawlani aus Córdoba geriet, als er im späten 9. Jahrhundert auf einer Pilgerreise nach Mekka war. Aufgrund des Orkans musste sein Schiff im nächstgelegenen Hafen Palma de Mallorca Zuflucht suchen. Nach dem Unwetter setzte al-Jawlani seine Reise fort, doch er vergaß nicht, dass die Balearen für Al-Andalus ein wichtiger strategischer Standort sein konnten. Nach seiner Rückkehr aus Mekka überzeugte er den Emir deshalb, eine Flotte auszusenden, um die „Östlichen Inseln“ offiziell ins Reich einzuverleiben.



Auf Ibiza muss der militärische Einsatz aufgrund der niedrigen Bevölkerungszahl gering gewesen sein. Was auch dadurch bestätigt wird, dass nach dieser Eroberung auf der gesamten Insel eine friedliche Besiedelung durch maurische Bauern erfolgte. Der landwirtschaftliche Aspekt dieser Kolonialisierung (im Gegensatz zu einer militärischen Übernahme) lässt vermuten, dass sich die Menschen, die damals auf den Pityusen lebten, nicht gegen diese Vereinnahmung zur Wehr setzten. Und insgesamt können wir nur rätseln, welche ethnischen Vermischungen es im Laufe der Jahrhunderte auf Ibiza gegeben hat. Interessant ist, dass die Mauren die Insulaner aufgrund ihrer römischen Zugehörigkeit mit dem Beinamen „Rum” bedachten. Auf jeden Fall fegte die Kolonialisierung die trostlose Vergangenheit der Inseln hinweg. Auf Ibiza begann eine dynamische Periode, die mit Wohlstand einherging.

Die islamische Epoche dauerte 333 Jahre, und die Errungenschaften der Insel glichen denen, die Ibizas Regenten auch auf dem Festland einführten. In den ersten Jahren nach der Eroberung der Insel gab es im Emirat von Córdoba ernste interne Spannungen, aber 929 gelang es diesem unverwüstlichen Staat dann, sich als prachtvolles Kalifat zu etablieren. In den folgenden hundert Jahren konsolidierte sich Al-Andalus als unangefochtene Führungsmacht im westlichen Mittelmeer.

Das Kalifat leitete eine goldene Epoche ein, in der die hispanisch-maurischen Fortschritte in alle gesellschaftlichen Bereiche einzogen. Dies betraf sowohl die Bildung als auch die Poesie, die Technologie oder Architektur. Auch wurde eine breitgefächerte, tolerante und pluralistische Gesellschaft gefördert, in der sich die Menschen bestens entfalten konnten. Die Innovation blühte. Auch Ibiza profitierte von dieser Entwicklung. Die Landwirtschaft wurde mittels eines ausgeklügelten hydraulischen Bewässerungssystems modernisiert. Das Bewässerungssystem in Es Broll in der Nähe von Santa Agnés, das nach wie vor funktioniert, ist ein Beispiel für dieses fabelhafte maurische Ingenieurswesen. Durch ein System aus Bewässerungskanälen, Wasserauffangbecken und Windmühlen konnte eine wahre Oase geschaffen werden, die durch Grundwasserressourcen und Niederschläge gespeist wird. Auf der Insel gibt es auch noch einige restaurierte Wasserräder, wie beispielsweise im Küstengebiet von Santa Eulalia.



Das Kalifat mischte sich nicht übermäßig in das Alltagsgeschehen ein, die Menschen konnten in Frieden leben und hatten Möglichkeiten, die es im restlichen mittelalterlichen Europa kaum gab. Landwirte konnten anbauen, was sie wollten (viele neue Sorten wurden eingeführt) und ihre Ernte frei verkaufen. Kaufleute durften selbst entscheiden, mit wem sie Handel treiben wollten. Schulische Belange und Bildung wurden in allen Gesellschaftsschichten gefördert. Im Rahmen dieser kulturellen Freiheit konnte auch der große Insel-Poet Al-Sabbini, der zum Ende des Kalifats geboren wurde, sein Können entwickeln. Sein Talent brachte ihm Anerkennung und Wohlstand ein, sein Ruhm überdauerte mehrere Jahrhunderte. In einer Anthologie, die 1253 zusammengestellt wurde und in der alle andalusischen Poeten aufgeführt sind, wird er als der überragende Dichter seiner Zeit gerühmt. Eine Ehre, die er sich zweifelsohne verdient hatte.

Anhand seines Lebens gewinnen wir einen Einblick in die Zeit, in der die glücklichen Tage endeten und die bitteren Rivalitäten begannen. Diese Periode wurde als Fitna (Zerfall) bezeichnet und führte schließlich zum Zusammenbruch des Al-Andalus. Al-Sabbini, der 1077 verstarb, wurde irgendwann in der Zeit der Unruhen geboren, die dazu führten, dass das Kalifat von Córdoba 1031 in 39 Patchwork-Staaten zersplitterte. Diese nannte man Taifas, was „winzige Königreiche” bedeutet. Aufgrund dieser politischen Erschütterungen geriet Ibiza unter die Regentschaft der Taifa von Denia, einem despotischen Regime, das wir in der nächsten Episode behandeln werden. Genießen Sie bis dahin eine kleine Poesie-Kostprobe von Al-Sabbini:

Die Kelche
Schwer waren die Kelche,
als sie in ihrer Leerheit zu uns gebracht wurden,
aber gefüllt mit der Reinheit des Weins
wurden sie so leicht, dass sie emporschnellten.
Ebenso wie Körper leicht werden, wenn der Geist in sie fährt.