AUSGABE: Dezember 2018 - Februar 2019

Ibizas Geschichte - Teil 6: Dunkle Jahrhunderte nach Rom

Von Emily Kaufman
Als Rom fiel, wurde die letzte Glut der Klassischen Antike gelöscht. Das Reich zerbrach, die abseits gelegenen Ländereien wurden von Barbaren überrannt, die vom Norden und Osten aus anrückten. Trotz Roms verzweifelter Versuche, die Kontrolle über die westlichen Territorien, darunter auch Spanien und die Balearen, zu bewahren, gingen diese im Laufe des 5. Jahrhunderts verloren. Der Zusammenbruch der imperialistischen Regierung zeigte sich auf den Pityusen darin, dass die Häuser und Siedlungen der Oligarchen, Soldaten, Behördenbediensteten und deren Personal plötzlich verlassen waren, weil diese nach Rom zurückgeordert worden waren. Can Blai auf Formentera ist eines der Beispiele für diesen Exodus. Dieses castellum (eine Art römische Festung) wurde verlassen, bevor es vollständig fertiggestellt werden konnte. Wann genau die Römer Ibiza verließen, ist nicht bekannt, aber durch die Ereignisse auf dem Festland, wo sich germanische Stämme wie die Vandalen und Westgoten herumtrieben, nachdem das mächtige Rom zerbrochen war, können wir uns eine grobe Vorstellung machen.
 
Die Vandalen waren von den Hunnen aus ihren germanischen Territorien vertrieben worden, im Jahr 409 begannen sie auf dem Festland mit ihren Plünderungen. Brandschatzend zogen sie von einem Platz zum nächsten, 425 suchten sie sogar die Balearen heim. Die Westgoten vertrieben die Vandalen von Spanien nach Nordafrika, wo diese in Karthago einen neuen Machtsitz etablierten. Von dort aus rückten sie fächerförmig aus, um das westliche Mittelmeer zu erobern, von Sizilien über Sardinien, Korsika und Malta bis hin zu den Balearen. Ibiza wurde 455 von den Vandalen übernommen, vier Monate später hatten diese die Römer glorreich vertrieben.

Die Besetzung dauerte nur 80 Jahre, dennoch hinterließen sie auf der Insel ihre eigenen historischen Spuren und sorgten für eine einzigartige kulturelle Überlagerung. Die barbarischen Invasionen haben historische Relevanz, da sie das Ende der klassischen Antike und den Beginn des europäischen Mittelalters einleiteten. Einerseits zerstörten die Invasoren die römische Kultur, andererseits ermöglichten sie aber auch deren Kontinuität, weil Schlüsselelemente der römischen Kultur imitiert und das lateinische Erbe am Leben erhalten wurden. Sprache, Gesetzgebung, Religion und die Saat des Feudalismus sind einige der römischen Errungenschaften, die von den germanischen Stämmen beibehalten wurden. Die Vandalen, die von Historikern jahrhundertelang geschmäht wurden, mussten aufgrund archäologischer Funde übrigens kürzlich rehabilitiert werden. Mittlerweile wird ihnen Anerkennung gezollt, weil sie in Nordafrika in großem Stil Handel und Export betrieben und die Wirtschaft der Region in Schwung hielten. Während dieser Zeit war Ibiza auch weiterhin ein aktiver Anlaufhafen im Handelsnetzwerk zwischen Nordafrika und dem westlichen Mittelmeer. Doch die von den Römern verlassenen Siedlungen blieben während der Vandalen-Regierung unbewohnt.


Allerdings war die Epoche der Vandalen kein kompletter Reinfall. Die Kontroverse um den Arianismus, eine der übelsten religiösen Auseinandersetzungen der späten Antike, sorgte dafür, dass Ibiza in die Geschichtsschreibung einging. Durch die Kontakte mit der römischen Welt waren die Vandalen zum Christentum konvertiert, sie gehörten der christlichen Sekte der Arianer an, die den Lehren des Arius folgten. Ein anderer Hauptzweig des frühen Christentums war die Nicänische Trinitätslehre, die sich an den Dogmen orientierte, die 325 auf dem ersten Konzil von Nicäa etabliert wurden. Der Unterschied zwischen diesen beiden Doktrinen war für die meisten Anhänger beider Seiten ebenso obskur wie unverständlich. Um es kurz zu fassen: Die Arianer beteten Jesus an, als Sohn Gottes, aber sie glaubten nicht daran, dass Jesus die gleiche Substanz wie Gott hatte. Die Trinitarier dagegen behaupteten, dass Jesus und Gott aus dem gleichen „Fleisch“ und bis in die Ewigkeit miteinander verbunden wären. Interessanterweise wurde Kaiser Konstantin (272-337), der das Christentum im römischen Reich legalisiert hatte, auf seinem Sterbebett von einem Arianer-Bischof getauft. Deswegen wurde im östlichen römischen Reich um Konstantinopel jahrzehntelang dem Arianismus gehuldigt, während im westlichen Reich in Rom der trinitarische Glaube vorherrschte. Daher rührt der Name „Römische Katholiken“.

In Nordafrika blieben die Vandalen dem Arianismus zugewandt. Sie verfolgten die Katholiken, konfiszierten deren Kircheneigentum und verbannten unbequeme Bischöfe. In einem provokativen Schachzug zitierte der Vandalen-König Hunerich alle Bischöfe seines Reichs herbei, um über die Pros und Kontras des Arianismus und Katholizismus zu diskutieren. Dies geschah im Jahr 483 und unter den Geistlichen, die an dieser Synode teilnahmen, befand sich auch der katholische Bischof Ibizas, Ophelius. Am Ende der Debatte weigerten sich die Bischöfe der Balearen, ihrem katholischen Glauben abzuschwören, woraufhin sie sofort geopfert wurden. Aufgrund dieser eklatanten Aggression zerbrach der Pakt, der acht Jahre zuvor zwischen dem byzantinischen Herrscher Zeno und dem Vandalen-König Geiserich geschlossen worden war. Diese Vereinbarung sah vor, dass man die Gebiete der Vandalen respektieren würde, solange diese den Katholiken erlaubten, ihrem Glauben in Frieden nachzugehen. Über Hunerichs gewalttätigen Bruch des Pakts wurde vorübergehend hinweggesehen, aber er wurde nicht vergessen.

Fünfzig Jahre später kam in Byzanz (dem östlichen Zweig des römischen Reichs, der überlebt hatte) der leidenschaftliche Kaiser Justinian I. an die Macht. Er war entschlossen, die früheren westlichen Ländereien des Reichs wieder zu erobern und dort den wahren Glauben, also den katholischen, erneut zu etablieren. 534 schlug seine Armee die Vandalen in Nordafrika, im Jahr darauf eroberte er die Balearen und die restlichen Inseln, auf denen die Vandalen noch herrschten. Ibiza wurde Teil von Byzanz, was das Leben auf der Insel jedoch kaum beeinflusste. Ein leichter demographischer und wirtschaftlicher Aufschwung wurde verzeichnet, dies zeigte sich darin, dass auf den Ruinen der alten Wohnstätten neue gebaut wurden oder neue Siedlungen entstanden. Viehzucht scheint in dieser Zeit wichtiger als die Landwirtschaft gewesen zu sein, die Keramikherstellung verzeichnete einen Aufwärtstrend, christliche Motive dominierten. Costa und Fernández (Autoren des Führers vom Archäologischen Museum Ibiza) beschreiben die byzantinischen Keramikfunde als „reich verziert mit eingeritzten und bedruckten Mustern“.


Die Insel verfügte über eine eigene katholische Diözese und eine kleine Schar von Behördenbediensteten. Abgesehen davon kann man sich vorstellen, dass das Leben mühselig und arm war, wie ein Abglanz des schmucklosen Mittelalters. Die byzantinische Epoche verlief im Sande. Niemand weiß genau, wann dies geschah. Costa und Fernández informieren: „Die archäologischen Nachweise enden im 7. Jahrhundert, über die folgenden Jahrhunderte bis zur islamischen Eroberung im Jahr 902 ist nichts bekannt“. In der Zwischenzeit lebten die Menschen so gut sie konnten, ohne Regierung, ohne Steuern und ohne Kriege. Beim nächsten Mal laden wir Sie ein, mehr über die kulturelle Belebung der Insel zu erfahren, die von den Mauren in Gang gesetzt wurde.