AUSGABE: Dezember 2018 - Februar 2019

Hoffnung auf eine bessere Zukunft

Von Jerry Brownstein
Wer die meisten seiner Informationen aus den Mainstream-Medien bezieht, kann leicht zu dem Schluss kommen, dass es um unsere Welt sehr schlecht bestellt ist. Denn Fernsehen, Zeitungen und Internet fokussieren sich hauptsächlich auf Ereignisse wie Kriege in Syrien, Myanmar, den Jemen oder anderswo. Jeden Tag warnt man uns vor Terrorismus, Kriminalität, Immigranten, Epidemien oder dem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Zudem gibt es eine Welle von neuen herzlosen und selbstherrlichen Politikern, die in Ländern wie Russland, China, Brasilien, der Türkei oder den USA die Macht übernommen haben. Es stimmt, das alles hört sich ziemlich düster an, aber dies liegt vor allem daran, dass unsere Nachrichtenquellen uns keine anderen Perspektiven präsentieren. Wenn wir die Situation hingegen aus globaler Perspektive betrachten, beginnen wir zu verstehen, dass unsere Welt nie besser war – und dass sie noch strahlender werden kann. Denn die negativen Nachrichten der Medien verschleiern eine der wohl wichtigsten Storys unserer Epoche: Den kontinuierlichen Fortschritt der Menschheit, der in eine vielversprechende Zukunft führen kann.

Es gibt zahlreiche empirische Belege dafür, dass sich unser Leben und unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten positiv verändert haben. Nie zuvor in unserer Geschichte war der Prozentsatz der Weltpopulation, der unter Hunger, Armut und Analphabetismus leidet, so niedrig. Noch in den 1960er Jahren lebte ein Großteil der Weltbevölkerung in extremer Armut (mit weniger als zwei Euro pro Tag), heute sind es nur noch zehn Prozent. Und die Armut geht weiter zurück. Wirtschaftsexperten der Oxford-Universität schätzen, dass sich die Zahl derjenigen, die weltweit in extremer Armut leben, täglich um über 200.000 Personen verringert. Zudem gehen sie davon aus, dass täglich mehr als 300.000 Menschen Zugang zu Elektrizität und sauberem Wasser erhalten. Zwar liegt noch viel Arbeit vor uns, aber es ist offensichtlich, dass sich viele Dinge zum Guten entwickeln.


Steven Pinker, ein Psychologieprofessor der Harvard-Universität, hat das Thema aus langfristiger Perspektive beleuchtet. In seinem Buch „Enlightenment Now” schreibt er über den materiellen Fortschritt, den wir im Laufe der vergangenen Jahrhunderte vollzogen haben. Dies betrifft diverse Bereiche unseres Lebens wie Gesundheitswesen, Kriege, Umwelt, Gleichberechtigung oder Lebensqualität. Seine Botschaft ist, dass dieser massive Fortschritt durch empirische Fakten und Zahlen untermauert wird. Zum Beispiel:

Gesundheit: Die Lebenserwartung hat sich seit dem 18. Jahrhundert bis heute von 30 Jahren auf über 70 erhöht. In allen Altersgruppen und auf allen Kontinenten. Vor allem die Kindersterblichkeit und der Muttertod konnten reduziert werden. Die Bedrohung durch Infektionskrankheiten nahm aufgrund größerer Hygiene, Antibiotika und anderer wissenschaftlichen Fortschritte ab. Seit 1990 konnten mehr als 100 Millionen Kinderleben durch Diarrhö-Behandlungen, Kampagnen über die Vorteile des Stillens und andere einfache Gesundheitsmaßnahmen gerettet werden.


Armut und Hungersnot: Diese waren im Laufe der Geschichte Teil des menschlichen Lebens. Doch auch das hat sich drastisch verändert. So wird geschätzt, dass in den 1820ern etwa 90 Prozent der Weltbevölkerung in Armut lebte, heute sind es weniger als zehn Prozent. Es gibt in den Industrieländern Nahrung im Überfluss und auch in den ärmsten Ländern der Welt verbessert sich die Lage. Hinsichtlich des Hungers ist noch viel zu tun, doch es hat Fortschritte gegeben.

Frieden: „Krieg ist Hölle“, das ist eine bekannte Aussage des Generals George Patton. Selbst die kleinsten Kriege oder gewalttätigen Auseinandersetzungen schaden der Menschheit und müssen ausgemerzt werden. Pinker weist darauf hin, dass es seit dem Zweiten Weltkrieg (1945) keine großen Kriege zwischen Weltmächten mehr gegeben hat. Heutzutage wüten Kriege auf begrenzten Territorien und fordern weniger Menschenleben. Also konnte auch in diesem Bereich ein gewisser Fortschritt verzeichnet werden. Wobei man zugeben muss, dass sicher noch Verbesserungsbedarf besteht. Jegliche Gewalt zwischen Menschen oder organisierte Morde und Genozide sind eine Abscheulichkeit.


Lebensqualität: Im Laufe der Geschichte waren die meisten Menschen Analphabeten. Noch vor 50 Jahren konnte die Hälfte der Weltbevölkerung weder lesen noch schreiben, heute sind es nur noch 15 Prozent. In den USA und in Europa sind die wöchentlichen Arbeitsstunden seit 1870 von über 60 auf rund 40 gesunken. Die durchschnittliche Arbeitszeit, die in Haushalten anfiel, sank seit dem Jahr 1900 von wöchentlich über 60 Stunden auf 15. Deshalb haben Menschen mehr Freizeit, zudem reisen sie mehr, wodurch sie mehr Wissen und ein größeres Verständnis für das Weltgeschehen gewinnen.

Freiheit: Etwa 50 Prozent der Weltbevölkerung lebt heutzutage in relativ freien Gesellschaftsformen. 1820 waren es nur ein Prozent. Persönliche Werte wie Freiheit, Autonomie und Individualität sind weitgehend akzeptiert, Rassismus, Sexismus und Homophobie sind dagegen stetig gesunken. Wie schon erwähnt, gibt es mehr selbstherrliche Regierungschefs, das ist alarmierend, doch der langfristige Trend zur Freiheit ist als positiv zu bewerten.


Diese Fakten und Zahlen belegen den Fortschritt, der sich seit Beginn der Menschheitsgeschichte bis heute vollzogen hat. Natürlich ist noch viel zu tun, viele Fortschritte müssen gemacht werden, aber es ist möglich, eine schönere Welt zu gestalten. Und im Grunde unseres Herzens wissen wir das auch. Pinker beschließt sein Buch mit den Worten, dass der erreichte Fortschritt nicht als Selbstverständlichkeit zu begreifen sei, genauso wenig sollte er als Selbstverständlichkeit betrachtet werden. Sein Rat ist, dass „wir weiterhin an Dingen arbeiten müssen, die nützlich sind und funktionieren“.

Tun wir denn überhaupt genug? Paul Hawken, ein Futurist und Aktivist, hat eine klare Antwort auf diese Frage: „Ja.“ In seinem Buch „Blessed Unrest” beschäftigt er sich mit einer Bewegung, die den meisten Menschen gar nicht bewusst ist. Nicht einmal denjenigen, die darin involviert sind. Es geht um eine Bewegung, die sich spontan entwickelt hat und sich für mehr soziale Gerechtigkeit, wirtschaftliche Fairness und Umweltschutz einsetzt. All das, was die Menschheit derzeit benötigt. Hawken schätzt, dass es weltweit mehr als zwei Millionen (zwei Millionen!) Organisationen gibt, die sich in unterschiedlichen Bereichen für Verbesserungen einsetzen. Diese unglaubliche Bewegung wird von NGOs, Non-Profit-Agenturen oder engagierten Einzelpersonen unterstützt. Darunter einige Milliardäre, die einen großen Teil ihres Vermögens für gute Zwecke spenden.


Die Bewegung basiert auf der Überzeugung, dass wir die Welt verändern können, wenn wir zusammenarbeiten. Hawken erklärt das so: „Leben ist ein fundamentales Menschenrecht. Alle Organisationen, die sich dieser Bewegung angeschlossen haben, kämpfen für bessere Lebensbedingungen wie Existenzgrundlagen, Nahrung, Sicherheit, Frieden und ein stabiles Umfeld, in dem es Freiheit und keine Tyrannei gibt.“ Das natürliche Entstehen dieser Bewegung vergleicht er mit der Art und Weise wie unser Körper Krankheiten bekämpft. „Das Immunsystem der Menschheit reagiert auf kranke politische Zustände, eine infizierte Wirtschaft und ein gestörtes ökologisches Umfeld.“ Diese Bewegung ist eine große Quelle der Hoffnung, denn sie erinnert uns daran, dass wir nicht alleine sind und es Millionen von Menschen gibt, die jeden Tag daran arbeiten, die Krankheiten der Gesellschaft zu heilen und die menschliche Entwicklung voranzutreiben. Jeder von uns kann Teil dieser Bewegung sein, im größeren oder kleineren Stil. Allein durch unsere persönlichen Verhaltensweisen, für die wir uns entscheiden, oder durch die Politiker, die wir unterstützen. Die Zukunft ist vielversprechend – und sie passiert jetzt.