AUSGABE: Juni - August 2018

Ibizas Geschichte - Teil 4: Die Götter des antiken Ibiza

Von Emily Kaufman
Die Götter der Antike schickten Donner und brennende Pfeile vom Himmel, um Feinde zu bezwingen. Diese mythologischen Klischees wurden jedenfalls überliefert. Und tatsächlich gab es in der antiken Welt eine beeindruckende Anzahl an männlichen Archetypen, deren Attribute von grimmig und kriegerisch bis mild und heilig reichten. Nimmt man Ibizas Pantheon als Beispiel, zeigt sich diese Vielfältigkeit anhand der fünf männlichen Gottheiten, die in der phönizische-punischen Epoche auf der Insel verehrt wurden.

Ganz oben auf der Liste stand Melkart, der Hauptgott des phönizischen Stadtstaats Tyros und Gemahl der Göttin Astarte. Zusammen bildeten sie eine duale Gottheit, die wie ein Tandem funktionierte. Wobei jeder von ihnen seine eigenen Schutzfunktionen hatte. Doch im gleichen Maß, wie sich die gesellschaftlichen Bedürfnisse im Laufe der Jahrhunderte wandelten, änderten sich auch deren Schutzaufgaben. Wortwörtlich übersetzt bedeutet Melkart „Gott der Stadt“ und seine primäre Funktion bestand darin, das Allgemeingut zu schützen. Allerdings wurde diese in den unterschiedlichen Phasen der Geschichte wohl unterschiedlich betrachtet. Als Tyros beispielsweise im dritten Jahrtausend vor Christus (vor über 4.000 Jahren) eine aufblühende Küstenstadt war, die auf einem schmalen Stück Land ihr Überleben sichern musste, wurde Melkart als landwirtschaftliche Gottheit wahrgenommen. Er schützte die Ernte und wachte über den sich permanent verändernden Zyklus des Lebens, von der Geburt über den Tod bis hin zur Wiedergeburt. Melkart wurde mit Winterweizen und Gerste in Verbindung gebracht, die als Hauptnahrungsmittel das Überleben der Bevölkerung sicherten. Als sich Tyros aber in eine kultivierte und wohlhabende Stadt entwickelte, die ein weit verbreitetes Handelsnetz aufgebaut hatte, verlagerte sich sein Aufgabengebiet vom Land auf das Meer. Seine Bereiche wechselten von der Landwirtschaft auf die Seefahrt und den Handel. So wird ihm beispielsweise die Entdeckung der Purpurgewinnung aus der seltenen Murex-Schnecke zugeschrieben, einem Färbemittel, das für Textilien genutzt wurde und ein einzigartiger Exportschlager der Stadt Tyros war.


Dr. María Eugenia Aubet schreibt in ihrem Buch Tyre and the Phoenician Colonies of the West, dass „Melkart nicht nur sein Schutzgebiet auf geschäftliche Unternehmungen ausweitete, sondern auch auf die Kolonien in fremden Ländern.“ Außerdem weist sie darauf hin, dass Melkart für gutes Geschäftsgebaren sowie ehrliche und faire Geschäftsabwicklungen gestanden habe. Aus diesem Grund sei Melkarts Name bei der Besiegelung von Handelsverträgen angerufen worden. Dank dieser ehrenwerten Attribute florierte auch auf Ibiza der Melkart-Kult, wo er in der frühen Kolonialisierungsphase vom 6. bis 5. Jahrhundert vor Christus (vor 2.600 Jahren) angebetet wurde. Zwar gibt es keine materiellen Zeugnisse, die bis heute überlebten, doch ist mit ziemlicher Sicherheit davon auszugehen, dass es an dem Platz, wo heute in der Altstadt die Kathedrale steht, zuvor einen Tempel gegeben hat, der Melkart gewidmet war. In der Höhle Es Culleram in der Nähe der Cala San Vicente wurde zudem eine gravierte Tafel gefunden, von der wir zwei Dinge ableiten können: Erstens, dass Melkart in der nachfolgenden punischen Epoche weiterhin verehrt wurde. Zweitens, dass man ihm mit großer Wahrscheinlichkeit ebenso wie Tanit jedes Jahr Ende Februar, Anfang März mit einem Fest der Wiederauferstehung huldigte. Als Gott des Meeres wurde Melkart mit metaphorischen Symbolen wie Delfinen und Thunfischen dargestellt. Motive, die auf phönizischen Münzen überliefert sind. Allerdings wurde Melkart niemals wie die griechischen Götter in menschlicher Form dargestellt. In seinen Tempeln diente ihm eine Priesterklasse, die den Zölibat praktizierte, barfüßig ging, in weißes Leinen gekleidet war und Bänder um das geschorene Haupt trug.

Ein weiterer wichtiger phönizischer Gott, dessen Kult auch auf Ibiza blühte, war Eshmun, der Gott der Heilung. Für Sidon, einen anderen phönizischen Stadtstaat, war Eshmun das, was Melkart für Tyros war: der Hauptgott der Stadt. Die Griechen stellten ihn mit Asclepius, dem Sohn Apollos, gleich. Beide waren Götter der Heilung. Zwar gibt es auf Ibiza keine archäologischen Beweise für seine Anbetung, doch weisen zwei indirekte Indizien auf seine starke Präsenz hin: Der erste Hinweis auf seine Verbreitung im punischen Ibiza ist der Zuname Abd’eshmun, was soviel wie „Diener des Eshmun“ bedeutet. In der antiken Welt war es recht gebräuchlich, Theonyme oder Beinamen von Götternamen abzuleiten. Wenn eine siegreiche Kultur eine geschlagene verdrängte, änderte die lokale Bevölkerung oft ihren Nachnamen, um mit der regierenden Klasse konform zu gehen. Das beispielsweise passierte, nachdem Rom Karthago besiegt hatte. In dieser Epoche war der Beiname Apollonius weit verbreitet, der von Eshmuns Homolog, Apollo, abgeleitet wurde. Epigraphen interpretieren dies als generelle Latinisierung des punischen Beinamens Abd’eshmun, der geändert wurde, um die römischen Bürokraten wohlgesonnen zu stimmen. Ein zweiter Beleg für den Eshmun-Kult auf Ibiza wurde in Murcia entdeckt, wo die lateinische Inschrift „sacerdos Asculepi Ebusitan“ gefunden wurde. Dies bedeutet: „Ibizenkischer Priester des Asclepius”, was als Referenz zu Eshmuns Heilungsaufgaben betrachtet wird, die ihm auf Ibiza zugeschrieben wurden. Interessanterweise stellten die Römer Eshmun mit Merkur gleich, dessen Symbol der Hermesstab war, der zwei ineinander verschlungene Schlangen zeigt. In der phönizischen Form wurde Eshmun allerdings nur durch eine Schlange dargestellt. Heute das Symbol des medizinischen Stands.


Eine dritte phönizische Gottheit, die auf Ibiza verehrt wurde, war Reshef, ein Kriegsgott. Über seinen Kult auf der Insel ist jedoch nur wenig bekannt. Archäologisch wird seine Präsenz nur durch eine Blei-Statue belegt, die in der Bastion San Juan in Dalt Vila gefunden wurde, sowie durch eine Gravur, die man in der Höhle es Culleram entdeckte. Der frühere Direktor des Archäologischen Museums, Jordi Fernández, hat dessen Grundprofil folgendermaßen erstellt: „Als Gottheit ist Reshef mit dem griechischen Apollo vergleichbar: Er war der Gott der Blitze und wurde mit den Symbolen der Axt, des Speers und des Schildes dargestellt. Was ihn zu einem Kriegsgott macht.”

Unser nächster Gott ist Bes, Ibizas Namensgeber. Diese lebenslustige Gottheit war ein Party-Tier, dem zwei Haupt-Charakteristika zugeschrieben wurden: Seine Fähigkeit, Schlangen und andere giftige Tiere von der Insel zu verbannen und seine Liebe zum Tanz. Die Phönizier übernahmen ihn von den Ägyptern, und er wurde eher als Zweitgott und wohltätiger Geist betrachtet. Der Epigraph Solà Solé stellte die Theorie auf, dass die ersten phönizischen Siedler auf der Insel wohl davon beeindruckt waren, dass es keine giftigen Tiere auf der Insel gab. Diese faszinierende Tatsache scheinen sie dem göttlichen Schutz des Bes zugeschrieben zu haben, woraufhin sie die Insel nach ihm benannten. Nahezu auf allen frühen ibizenkischen Münzen wurde Bes verewigt: schmerbäuchig, o-beinig und mit einer sich windenden Schlange in der Hand. Diese bildliche Darstellung basiert auf der Tatsache, dass Bes ursprünglich aus Schwarzafrika kam, wo die Pygmäen, deren Morphologie Bes kopiert, berühmt für ihren „Gottestanz“ waren. Demzufolge wird Bes auch mit Gesang, Tanz und ausgelassen Festlichkeiten in Verbindung gebracht.


Baal Hammon, unser letzter Gott, war grausam und anspruchsvoll. Er war die semitische Version des griechischen Kronos und des römischen Saturns. Gemeinsam formten Baal und Tanit eine duale Gottheit, die von den Karthagern übernommen wurde, um Astarte-Melkart abzulösen, nachdem es 480 vor Christus zum Bruch mit Tyros kam. Doch obwohl es auf Ibiza vor archäologischen Tanit-Funden nur so wimmelt, ist der Kult um Baal nicht so klar definiert. Es scheint, als hätten die Insulaner neben Tanit weiterhin Melkart angebetet. Das jedenfalls lässt eine berühmte, zweiseitig beschriftete Tafel vermuten, die in es Culleram ausgegraben wurde. Auf der einen Seite des Relikts ist eine Widmung an Tanit verewigt, auf der anderen das Gesicht von Melkart. Warum wurde die Inschrift zu Ehren Melkarts nicht durch die des Baals ersetzt? Diese Antwort liegt zweifellos im Nebel der Vergangenheit verborgen. Aber man könnte denken, dass es den Ureinwohnern der Insel einfach wiederstrebte, ihre ursprüngliche Gründergottheit aufzugeben. Votivfiguren des Baals wurden jedenfalls nur in Grabbeigaben auf der Nekropolis Puig des Molins gefunden, dabei handelt es sich um zwei Terrakotta-Stücke, die den Gott mit ernstem Gesicht auf seinem Thron sitzend zeigen. Mit diesem Hinweis endet unsere Geschichte heute. Beim nächsten Mal werden wir uns mit dem Thema der Bittgesuche beschäftigen, die das Volk der Karthager an Baal richtete, um die Römer im Dritten Punischen Krieg besiegen zu können. Natürlich wissen wir alle, wie das endete... •