AUSGABE: April - Juni 2018

Die große Ente: Eine Geschichte aus den wilden Ibiza-Tagen

Von Jerry Brownstein
Clifford Irving war ein amerikanischer Schriftsteller, der auf Ibiza gelebt und in den frühen 1970er Jahren die größte literarische Fälschung des 20. Jahrhunderts erschaffen hat. Er überzeugte die ganze Welt davon, dass er eine autorisierte Autobiographie des öffentlichkeitsscheuen Milliardärs Howard Hughes schreiben durfte. Doch tatsächlich basierte das Buch nur auf fiktiven Treffen und Interviews, die niemals stattgefunden hatten. Es war ein wildes und verrücktes Abenteuer, das den freien und lockeren Geist wiederspiegelt, der in dieser Epoche auf Ibiza herrschte. Heute ist es zwar kaum noch zu glauben, aber die Insel war im Laufe ihrer Geschichte vor allem eine Agrar-Gesellschaft. Dies änderte sich Schritt für Schritt, als Wellen ausländischer Immigranten auf die Insel schwappten und für einen kosmopolitischeren und kultivierteren Touch sorgten. Die meisten Leute haben schon über die Ankunft der Hippies und angesagter Berühmtheiten gehört, die in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren die Insel überfluteten. Dies öffnete dem Massentourismus die Tür, der in den folgenden Jahrzehnten noch wachsen sollte.

Aber vor dieser Zeit gab es bereits eine erste Einwanderungswelle, oder vielleicht sollte man es besser als Wasserkräuselung bezeichnen. In den 1950er Jahren, als Ibiza in der restlichen Welt noch so gut wie unbekannt war, zog es eine kleine Gruppe von Künstlern aus westlichen Ländern an diesen friedlichen Rückzugsort. Sie begeisterten sich für die atemberaubende Natur, das unglaublich billige Leben, die freundlichen und toleranten Menschen und dieses erstaunliche mediterrane Licht, das vor allem die Maler unter ihnen inspirierte. Aber der wichtigste Grund, der diese Menschen auf diese fremde und wundervolle Insel lockte, war wohl das Gefühl von Freiheit. Sie wollten an diesem schönen Platz leben und kreativ sein, ohne die Regeln und Grenzen ihrer Heimatländer beachten zu müssen. Schriftsteller, Maler und Freigeister jeden Typs gehörten zu dieser kleinen Gemeinschaft abenteuerfreudiger Nomaden. Und das war die Welt von Clifford Irving, der 1953 zum ersten Mal auf die Insel kam und sich schließlich hier niederließ. Es war eine Welt der Piraten und Poeten. Eine Welt jenseits der Grenzen „normaler“ gesellschaftlicher Konventionen. Eine Welt, in der man leicht aus dem Auge verlieren konnte, wie weit man eigentlich gehen durfte.


Ein weiterer Inselresident dieser Zeit war Elmyr de Hory, ein ungarischer Maler und Kunstfälscher, dem nachsagt wird, er habe weltweit über Tausend gefälschte Kunstwerke an Galerien verkauft. Um das bewerkstelligen zu können, muss er ein begnadeter Maler gewesen sein. Doch irgendwann flog er auf und kam ins Gefängnis. Nach seiner Haftentlassung kehrte er nach Ibiza zurück und wurde zu einer wahren Berühmtheit, über die in Magazinen und Fernsehinterviews berichtet wurde. Um seinen neu erworbenen Ruhm zu vermarkten, bat er seinen Freund Clifford Irving, seine Memoiren zu schreiben. Diese Biographie hieß „Fake! The Story
of Elmyr de Hory, the Greatest Art Forger of Our Time” (dt.: Fälschung! Die Geschichte von Elmyr de Hory, der größte Kunstfälscher unserer Zeit). Vielleicht war es die Bekanntschaft mit De Hory, die Irving inspirierte und zu einem waghalsigen Vorhaben verführte, das ihn ebenso berühmt wie berüchtigt machte.

1970 las Irving in einer Zeitschrift den Artikel „The Case of the Invisible Billionaire” (dt.: Der Fall des unsichtbaren Milliardärs). Hughes war als junger Mann in der Ölbranche unglaublich erfolgreich gewesen, danach ging er nach Hollywood, wo er Karriere als Filmproduzent machte. Er war ein prominenter Playboy, der mit den meisten angesagten Schauspielerinnen dieser Zeit ausging. Obendrein gründete er das Unternehmen Hughes Aircraft, das als besonders innovativer Flugzeughersteller galt. Hughes war der berühmteste Milliardär dieser Epoche – bis er plötzlich von der Bildfläche verschwand. In der Zeit, als Irving den Artikel las, hatte die Öffentlichkeit bereits zwölf Jahre lang nichts mehr von Hughes gehört. Der Mann, auf den Hollywood so stolz gewesen war, hatte sich in einen exzentrischen Einsiedler verwandelt, der im Penthouse eines seiner Hotels in Las Vegas lebte und all seine Geschäfte vom Schlafzimmer aus abwickelte.


Clifford Irving, vielleicht immer noch gefesselt von seinem Buch „Fake“, war überzeugt, dass Hughes das Rampenlicht so sehr hasste, dass er niemals aus dem Schatten hervortreten würde, um eine Falschinformation zu entlarven, die über ihn geschrieben wurde. So brütete er den Plan aus, die Welt davon zu überzeugen, dass Hughes ihn gebeten habe, seine Biographie zu schreiben. Irving war bereits ein ziemlich erfolgreicher Romanautor, sein erster Schritt bestand also darin, seinen Verleger darüber zu informieren, dass Hughes ihn kontaktiert und ihm den Vorschlag unterbreitet hätte, dessen Memoiren zu verfassen. Dann begann er damit, falsche Hinweise zu erfinden, die seine Geschichte untermauerten. Er kopierte Hughes’ Handschrift, um Briefe vorweisen zu können, die er von diesem zurückgezogen lebenden Milliardär erhalten hatte. Irving begann auch damit, seinen Verleger von exotischen Plätzen aus anzurufen, um ihm vorzumachen, er hätte sich mit Hughes getroffen, um die persönliche Beziehung zu vertiefen.

Irving hätte es sich wohl nie erträumen lassen, aber sein Plan ging auf. Sein Verleger McGraw-Hill zahlte ihm einen Vorschuss von 750.000 Dollar – viel Geld für diese Zeit. Zudem verkaufte Irving die Zeitschriften- und Taschenbuchrechte für weitere 650.000 Dollar und verdiente so fast 1,5 Millionen Dollar. Heute würde diese Summe ungefähr zehn Millionen Dollar entsprechen. Einige Kritiker waren jedoch immer noch skeptisch, und so musste Irving in den Monaten, in denen der Abgabetermin näher rückte, Herausgeber, Rechtsanwälte, Schriftexperten und Journalisten hinters Licht führen. Der berühmte nordamerikanische TV-Korrespondent Mike Wallace tat sein Bestes, um Irving bloßzustellen, doch selbst er ließ sich schließlich überzeugen.


Doch Ende 1971, das Buch war fast druckfertig, begann der Plan zu bröckeln. Howard Hughes erschien aus der Versenkung. Lange genug, um Reportern bei einer Pressekonferenz mitzuteilen, dass er Irving weder kannte noch die Genehmigung für das Buch erteilt hatte. Nachdem sich diese Hinweise häuften, begann Irving’s sorgfältig gebautes Kartenhaus in sich zusammen zu fallen. Und am Ende musste er sich schuldig bekennen, diese Verschwörung angezettelt und im großen Stil Gelder veruntreut zu haben. Das brachte ihm in New York 17 Monate Gefängnis ein. Nachdem er entlassen worden war, veröffentlichte er 1972 ein Buch über sein Debakel: „Clifford Irving: What Really Happened”. Eine Neuauflage gab es 1981 unter dem Titel „The Hoax“. 2006 kam der Film „The Hoax” mit Richard Gere in der Hauptrolle – dieser spielte Irving – in die Kinos, und 2012 wurde die gefälschte Hughes-Autobiographie doch noch veröffentlicht. Unter dem Titel: „Clifford Irving’s Autobiography of Howard Hughes”.

Im Laufe seines Lebens lieferte Clifford Irving unterschiedliche Erklärungen für die Hughes-Affäre. Manchmal tat er die Geschichte einfach nur als ausgefeilten Spaß ab. Einmal schrieb er: „Ich hatte nie das Gefühl, ich täte etwas Kriminelles, für mich war es einfach nur eine Fälschung.“ Aber in anderen Momenten flößte ihm das, was er ausgelöst hatte, im Nachhinein wohl doch Ehrfurcht ein. In „What Really Happened” schrieb er: „Die ganze Hughes-Affäre war ein wirkliches Wagnis, ein Test für mich selbst, ein ständiger Spießrutenlauf zwischen Herausforderungen und Antworten. Eine gewisse Grandezza lag dem Plan zugrunde, und in der Art und Weise, wie wir ihn umgesetzt haben, kann ich Leichtsinnigkeit und künstlerische Großartigkeit erkennen.“


Clifford Irving starb im Dezember 2017 im Alter von 87 Jahren. Aber man wird sich immer an seine Unbekümmertheit und den künstlerischen Ruhm erinnern, die in der ausländischen Gemeinschaft dieser Tage auf Ibiza existent war. Ein Ruhm, der bis in die heutige Zeit reicht.