AUSGABE: Februar - April 2018

Ibizas Geschichte - Teil 2: Die Karthager

Emily Kaufman
In den Geschichtsbüchern werden die Karthager eher als ein berüchtigtes statt glorreiches Volk beschrieben. Sie waren Rivalen der Römer und ein Stachel in der griechischen Welt, deshalb wurden sie aus der klassischen Geschichtsschreibung der römischen Siegermacht in aller Regel wegretuschiert. Obwohl die Karthager ein wichtiger Gegenspieler auf der klassischen Weltbühne waren, wurde ihnen die Mitgliedschaft im exklusiven griechisch-römischen Club verweigert, der einst von Edgar Allen Poe mit den Worten „Wie prachtvoll war Griechenland und wie erhaben Rom“ gelobt wurde. Die Karthager galten als die Ausgestoßenen, die sich in den Randgebieten herumdrückten – eine Kultur aus der Eisenzeit, an die man sich nur vage erinnerte. Auf Ibiza ist ihre Geschichte hingegen etwas strahlender, denn die Insel war eine der treuesten Kolonien Karthagos. Über vierhundert Jahre lang waren Bevölkerung und Gesellschaft der Insel vor allem punisch. Und diese Jahrhunderte gingen als glorreiche Epoche ins historische Erbe der Insel ein.

Ein wenig Hintergrundwissen wird helfen, den chronologischen Kontext besser zu verstehen: Karthago wurde 814 vor Christus (vor mehr als 2.800 Jahren) von den Phöniziern gegründet. Der Aufstieg der Stadt war kometenhaft. Die Karthager entwickelten ihr Wissen über die Seefahrt und den Handel weiter, das ihnen die Phönizier vererbt hatten. So wurde Karthago zu einer führenden Stadt am Mittelmeer, der Aufstieg Roms hatte noch nicht begonnen. Sowohl aus politischer als auch bürgerlicher Sicht waren die Karthager eine der am höchsten entwickelten Gesellschaften ihrer Zeit. Um 480 vor Christus verwandelten sie ihre Monarchie in eine Republik, in der es repräsentative Institutionen, Gewerkschaften, Generalversammlungen und gewählte Volksvertreter gab. Aufgrund ihrer ausgeklügelten Kontrollmechanismen und der angewandten öffentlichen Rechenschaftspflicht bezeichnete Aristoteles die karthagische Republik einst als Musterbeispiel einer guten Regierung.

Etwa in der gleichen Zeit tauschte auch Rom die Monarchie gegen ein republikanisches System ein. Rom war ein aufstrebendes Imperium, das nun mit Karthago um die Vorherrschaft auf dem Meer und im Handel konkurrierte. Im Laufe der Jahrhunderte kam es zu Spannungen zwischen den beiden Städten, 264 vor Christus brach der erste Krieg aus. In den drei Punischen Kriegen wurden grausame Kämpfe gefochten, in denen sich die Karthager zu Beginn als stärker erwiesen. Dann allerdings wendete sich das Blatt und die Römer gewannen die Oberhand. Die tiefsitzende Feindschaft zwischen diesen beiden mediterranen Kulturen verkörpern sich in ihren berühmtesten Heerführern: dem Karthager Hannibal und dem Römer Scipio. Sie waren Erzfeinde und sind die Protagonisten unserer Geschichte. Wie wirkten sich diese wichtigen Ereignisse auf Ibiza aus? In anschaulicher Weise, wie wir noch sehen werden. Alle drei Punischen Kriege hatten Einfluss auf die Insel: Der erste nur indirekt, der zweite direkt und der dritte in desaströser Form.

Werfen wir einen Blick auf Ibiza zu Beginn der punischen Epoche. Wir befinden uns ungefähr im Jahr 550 vor Christus und Rom ist noch ein kleiner Stadtstaat auf der italienischen Halbinsel. Ibosim diente schon seit einem Jahrhundert als kleiner Außenposten und war auf dem Sprung, sich in einen dynamischen punischen Satelliten zu verwandeln. Dieser Übergang vollzog sich friedlich, als die Karthager die westlichen phönizischen Handelsrouten übernahmen. Von vorrangiger Bedeutung war das Handelsdreieck Ibiza, Cádiz und Karthago – es war das Fundament, auf dem das punische Imperium seine Seemacht begründete. Als eine der geographischen Koordinaten dieses Dreiecks, blühte Ibiza auf wie nie zuvor. Der zivilisatorische Effekt der Phönizier, der von den Karthagern aufrechterhalten wurde, machte Ibiza zu einer der wenigen wahren Städte im antiken westlichen Mittelmeerraum.

Durch den karthagischen Einfluss wuchs nicht nur die Bevölkerung, die sich auf dem gesamten Inselgebiet ausbreitete, auch das Handelsvolumen stieg schnell. Ibiza wurde zu einem Zentrum für exotische Güter und andere Erzeugnisse. Vasen, Skarabäen. Parfums, Öle und Tafelgeschirr kamen aus dem gesamten Mittelmeerraum, um entweder an ihr Endziel weiterbefördert oder in der Nähe des Inselhafens gelagert zu werden. Aufgrund des hohen Warenaufkommens wurde Ibiza ganz nebenbei auch zum Produzenten und Großexporteur der eigenen Güter. Die Produktion lokaler Töpferwaren entwickelte sich zu einem blühenden Industriezweig. Dies wird durch archäologische Ausgrabungen belegt, die überall im Mittelmeerraum unzählige ibizenkische Amphoren ans Tageslicht beförderten. Salz, das in dieser Epoche der Motor des antiken Handels war, gehörte ebenso wie der salazón (gesalzener Fisch) zu den Hauptexportgütern. Denn beides gab es auf der Insel im Überfluss. Auch der lokale Wein und Honig waren wichtige Exportwaren.

Lassen Sie uns in die Mitte des dritten Jahrhunderts vor Christus reisen. Ibiza ist nach wie vor ein wichtiger Standort, Karthago hat sich als stärkste Seemacht im westlichen Mittelmeer etabliert. Rom hat gerade seine Vorherrschaft auf dem Großteil der italienischen Halbinsel konsolidiert und ist bereit für neue Eroberungszüge. Im Jahr 264 vor Christus entwickelte sich ein Interessenskonflikt um Sizilien, das teilweise von den Karthagern kontrolliert wurde. Dies war der Auslöser für den ersten Punischen Krieg. Nach 23 Jahren Seeschlacht verloren die Karthager schließlich Sizilien, ebenso wie Korsika und Sardinien. Rom forderte hohe Entschädigungszahlungen, weshalb die Karthager sich auf der iberischen Halbinsel ausbreiteten, um die Silberminen der Region ausbeuten und ihre Schulden zahlen zu können. Die verstärkte punische Präsenz auf dem spanischen Festland begünstigte den Schiffsverkehr der Insel. Ibiza wurde zu einem Stützpfeiler auf den nun stärker frequentierten Seerouten.

Im Jahr 218 vor Christus löste der Streit über die iberische Halbinsel dann den zweiten Punischen Krieg aus. Aufgrund der geopolitischen Relevanz der Insel, rückte auch die Insel in den Fokus. Bekanntermaßen zog Hannibal mit seiner karthagischen Armee in Italien ein. Dies bewegte seinen Erzrivalen Scipio dazu, in Hispania einzumarschieren. Auf dem Weg dorthin wurde er allerdings von einer verlockenden Kriegsbeute abgelenkt: Ibiza, diese fruchtbare und strategisch wichtige Insel mit ihrer Festungsstadt. Nach einer dreitägigen Belagerung von Ibosim im Jahr 217 vor Christus musste Scipio jedoch feststellen, dass er diese Mauern nicht überwinden konnte. Stattdessen konzentrierte er seine Kräfte nun darauf, das Festland heimzusuchen. Wo er, um seinen „Verlust“ auszugleichen, laut Livy jahrelang plünderte und reiche Beute machte. Das ist zweifellos übertrieben, doch wirft es ein Licht auf Ibizas Wohlstand in der punischen Zeit. Eine erneute Belagerung versuchten die Römer nie. Stattdessen versorgte Ibiza, als loyaler Staat, die Punier während des Kriegs mit Arbeitskräften und Geld. Gleichzeitig war der Inselhafen ein sicherer Ort für alle punischen Schiffe. Tatsächlich war Ibiza, neben Karthago, der zweite Geldgeber dieses Kriegs: Acht Prozent aller Silbermünzen, die auf der Insel geprägt wurden, flossen als Unterstützung in die Kriegskasse.

Cádiz verriet die Karthager schließlich im Jahr 206 vor Christus, nachdem sie mit den Römern zuvor einen Auslieferungspakt ausgehandelt hatten. Hannibals Bruder, Admiral Mago, dessen Flotte in Cádiz stationiert war, wurde aufs Meer hinausgetrieben. Doch statt sich geschlagen zu geben, setzte dieser die Segel und steuerte den einzigen sicheren Hafen der Region an: Ibiza. Sein Plan war, die Hilfe von Mallorca und Menorca zu gewinnen, um eine dreifache Basis zu schaffen, von der aus er die punische Hauptstadt „Cartago Nova“ zurückzuerobern konnte, die Scipio gerade eingenommen hatte. Mallorca wies Mago jedoch ab, auf Menorca dagegen durfte er in dem Hafen ankern, der heute noch seinen lateinischen Namen trägt: Mahón. Doch als die Vorbereitungen abgeschlossen waren, wurde Hannibal im Jahr 202 vor Christus bei Zama von Scipio geschlagen – und der Krieg war vorüber. Unsere Geschichte aber ist es noch nicht. In der kommenden Ausgabe von Ibicasa werden wir das Thema beim Beginn des dritten Punischen Kriegs wieder aufnehmen.


Dies ist der zweite Teil einer Artikelserie über die Geschichte Ibizas, die in den kommenden Ausgaben von Ibicasa veröffentlicht wird.