AUSGABE: Dezember - Februar 2018

Das Dorf der Erinnerung

Jerry Brownstein
Die niederländische Regierung hat eine innovative Methode für die Behandlung von Alzheimerpatienten entwickelt, die sich komplett von der in anderen klinischen Pflegeheimen unterscheidet. Am Stadtrand von Amsterdam wurde das „Dorf“ Hogewey gegründet, das neue Perspektiven für die Betreuung von Demenzkranken eröffnet. Oberflächlich betrachtet gleicht die Anlage einem kleinen Dorf mit Marktplatz, Geschäften, Theater, Gartenanlagen, Post etc. Doch es gibt einen großen Unterschied: Es ist kein wirkliches Dorf und die Bewohner sind ältere Menschen im unterschiedlichen Stadium der Demenz. Sie alle sind Teil eines Experiments, das in Erfahrung bringen möchte, ob ein familiäres Umfeld den Gesundheitszustand und das Lebensgefühl der Erkrankten positiv beeinflussen kann.

Das Konzept erinnert in gewisser Weise an die „Truman Show“. Eine Reality-TV-Serie, in der Hauptdarsteller Truman von Geburt an in der Kulisse einer Fernsehserie aufwächst. Truman weiß nicht, dass die Stadt, in der er lebt, nur eine TV-Kulisse ist. Genauso wenig ist ihm klar, dass er die ganze Zeit gefilmt wird und alle Leute, die ihn umgeben, Schauspieler sind. Auch die Bewohner von Hogewey haben das Gefühl, in einem realen Dorf zu leben, obwohl es sich eigentlich nur um eine Filmkulisse handelt. Kameras beobachten sie rund um die Uhr, immer sind Pfleger anwesend, aber die sind alle wie ganz „normale“ Einwohner angezogen. Für die Heimbewohner wirken sie wie Ladenbetreiber, Gärtner, Kassierer oder Postbeamte.

Ein weiterer wichtiger und unterscheidender Faktor ist, dass Hogewey an ein ganz normales Zuhause erinnert. Die Anlage hat kein Krankenhaus-Ambiente wie andere konventionelle Pflegeheime. Die Patienten leben in einer Umgebung, die so gebaut und eingerichtet ist wie die, in der sie sich befanden, als ihr Kurzzeitgedächtnis aufhörte zu funktionieren. Es gibt Häuser, die an die 1970er, 1980er und 1990er Jahre erinnern. Alles ist detailliert nachgebildet, damit sich die Bewohner in diesem familiären Umfeld wohlfühlen. In jedem Haus leben sechs oder sieben Patienten mit einem oder zwei Pflegern zusammen.

Dieses „Dorf“ existiert bereits seit einigen Jahren und die Resultate sind unglaublich positiv. Die Hogewey-Bewohner benötigen weniger Medikamente, sie essen besser, leben länger und machen einen glücklicheren Eindruck als andere Demenzkranke, die in konventionellen Pflegeheimen untergebracht sind. Dieser beachtliche Erfolg, den Hogewey vorweisen kann, wirft die Frage auf, inwieweit das Leiden der Patienten tatsächlich durch ihre Krankheit ausgelöst oder aber durch konventionelle Behandlungsmethoden beeinflusst wird. Das traditionelle Pflegeheim mit seinem klinischen Erscheinungsbild und formellen Pflegern sendet nur eine Botschaft an seine Bewohner: „Du bist krank, Du kannst Dich nicht um Dich selbst kümmern, ständig vergisst Du etwas.“ Hogewey ist anders, es gibt seinen Bewohnern das Gefühl, dass sie an einem Platz leben, der nicht nur wie ein Zuhause aussieht, sondern sich auch so anfühlt. Selbst wenn es nicht so ist. Andere wissen, dass alles nur Fassade ist, doch für die Patienten wirkt es real. Und dies kann dazu beitragen, dass sie sich trotz ihrer Krankheit ganz normal fühlen. Der Psychologe Donald Spence nennt dieses Konzept „narrative Realität”. Und dies bedeutet einfach nur, dass sich jemand nicht mehr verloren fühlt, wenn er an einem Ort lebt, der normal wirkt.