AUSGABE: Dezember - Februar 2018

Ibizas Geschichte Teil 1: Die Phönizier

Emily Kaufman
Ibiza hält einen einzigartigen und ehrwürdigen Platz in der Geschichtsschreibung inne. Eine Übertreibung? Keineswegs. Dalt Vila, die von einer Mauer umgebene Altstadt oberhalb des Hafens, ist beispielsweise die älteste erhaltene Festungsstadt an den Küsten des Mittelmeers. Diese nachweisbaren Fakten waren die Basis dafür, dass die Unesco Dalt Vila zum Welterbe kürte. Auch die archäologische Ausgrabungsstätte in Sa Caleta trägt diesen renommierten Titel, denn sie birgt wertvolle Informationen über den zivilisatorischen Einfluss der Phönizier auf die westeuropäische Welt.

Die Altstadt ist monumental und beeindruckend, die Ausgrabungsstätte Sa Caleta bescheiden und einfach. Doch beide Plätze erzählen Geschichten und vermitteln Botschaften, die so wichtig und fundiert sind, dass die UNESCO ihnen den höchsten Ritterschlag erteilte. Beeindruckt? Wollen Sie mehr erfahren? Falls ja, wird Ihnen diese Serie all das erklären, was sie schon immer über die Geschichte Ibizas wissen wollten, sich aber nicht zu fragen trauten. Beginnen wir mit der Frage, warum eine so kleine Insel wie Ibiza einen so prominenten Platz auf der antiken Weltbühne hatte.
Die Antwort hängt natürlich mit den Phöniziern zusammen, diesem mächtigen Handelsvolk, das sich nicht darum bemühte, die fremden Länder zu erobern, die sie besuchten. Stattdessen trieben sie Handel mit ihnen. Sie waren erfahrene Seefahrer, die mit entlegensten Märkten Geschäfte machten. Auf der Suche nach kostbaren Metallen, die sie für die Herstellung ihrer Luxusgüter brauchten, auf die sie sich spezialisiert hatten, durchforsteten sie nicht nur den gesamten Mittelmeerraum, sondern auch weit entferntere Meeresgebiete. Gold, Silber, Bronze, Elfenbein und Edelsteine, das waren die teuren Waren, mit denen sie handelten. Ibiza hatte keines dieser wertvollen Metalle zu bieten, für die Phönizier muss die Insel also eigentlich ein wenig attraktiver Ort gewesen sein, um sich dauerhaft niederzulassen oder sogar eine Stadt zu gründen. Und tatsächlich beachteten sie die Insel über Jahrhunderte hinweg nur wenig, stattdessen konzentrierten sie sich auf Tartessos, einem südspanischen Gebiet, das heute im Groben Andalusien zugeordnet wird. Dort gründeten sie zwischen dem 10. und 8. Jahrhundert vor Christus die Städte Cádiz und Málaga und suchten im Hinterland, das reich an wertvollen Mineralien war, nach Silber, Gold, Kupfer, Eisen und Zinn.

Denn in dieser Epoche gab es in Tartessos die größten Metallvorkommen der bekannten Welt, vor allem Silber wurde gefunden. Aber der übermäßige Bergbau forderte schließlich seinen Tribut: Die Phönizier beuteten die Erzadern aus und durch das kontinuierliche Fällen von Bäumen, deren Holz sie für das Befeuern ihrer Schmelzöfen benötigten, verödete das Land. Die soziologische und ökologische Krise, die sie dadurch auslösten, zwang die Phönizier, sich nach anderen Märkten umzuschauen. Und durch diese tiefgreifenden Veränderungen gewann Ibiza an Bedeutung.

Bis dahin hatte die Insel den Phöniziern auf ihren langen Reisen zur Meerenge von Gibraltar und zurück nur als Zwischenstopp gedient. Sie waren die erste Zivilisation, deren Navigationskenntnisse so ausgefeilt waren, dass sie sogar die lebensgefährliche Meerenge von Gibraltar überwinden konnten, um in den Atlantik zu gelangen. Die Phönizier wussten, dass sie den Nordwestkurs einschlagen und Alicante oder Murcia ansteuern mussten, um dann an der iberischen Küste entlang zu segeln, um zur Straße von Gibraltar zu gelangen. Ibiza lag direkt auf dieser nautischen Route. Obendrein trieben Passatwinde und Meeresströmungen sie leicht an die Küsten der Insel, wo es frisches Wasser und wenig feindselige Bewohner gab. Ibiza war somit ein perfekter Ort für ermüdete Seemänner. Aufgrund dieser unterschiedlichen Faktoren war die Insel über Jahrhunderte hinweg ein idealer und sicherer Hafen. Aber auch nicht mehr.

Doch durch den Niedergang der Tartessos-Kultur begannen die Phönizier im 7. Jahrhundert vor Christus damit, die Küstengebiete von Katalonien zu erkunden, ebenso wie die Gegend, die heute Südfrankreich heißt. Sie schufen neue Märkte und weiteten ihren Einfluss aus. Das war der Moment, in dem Ibiza zu einer nützlichen Basis fern der iberischen Küste wurde, von der aus der Handelsfluss koordiniert werden konnte, der sich durch die neuen Handelsverträge ergeben hatte. 625 vor Christus ließen sich die Phönizier in Sa Caleta nieder. Ausgrabungsfunde belegen, dass sie eine fortschrittliche und entwickelte Kultur hatten, die den zivilisatorischen Fortschritt im westlichen Europa in diversen Bereichen vorantrieb.

Die Phönizier waren beispielsweise die ersten Menschen, die das westliche Mittelmeer kolonialisierten und ein bedeutsames Stadtplanungskonzept einführten. Schon die Fundamentreste, die in Sa Caleta entdeckt wurden, zeigen die systematische und ordentliche Art einer Siedlungsplanung, die jeden Aspekt des damaligen Lebens einbezog und ihnen einen eigenen Platz zuordnete: wie beispielsweise Schmelz-, Töpfer- und Brotbacköfen. Zwar gibt es klare Anzeichen dafür, dass Metallarbeiten durchgeführt wurden, aber Waffen wurden nicht gefunden. Dies unterstützt die Theorie, dass die Phönizier friedlich mit den Einheimischen zusammenlebten, die sie kolonialisierten.

Etwa 40 Jahre nach der Gründung der Sa Caleta-Siedlung entschieden sich die Phönizier, sich etwa zehn Kilometer nordöstlich, auf einem Hügel oberhalb einer großen Bucht nieder zu lassen. Diesen leicht zu verteidigenden Platz nannten sie Ibosim (dt.: „Insel des Bes”). Es war ein Ort, der aufgrund seiner geographischen Lage alle Möglichkeiten für den Handel, das Anlegen, Umladen und Lagern bot. Heute nennen wir diesen Platz Dalt Vila, und wir genießen seinen einzigartigen Charme und sein exotisches Ambiente. Aber wie hat dieses Leben im 6. Jahrhundert vor Christus eigentlich ausgesehen? Darüber können wir nur spekulieren, weil keine der originalen Wände und Bauten erhalten geblieben sind. Nichts desto trotz war diese Stadt, die unter dem Namen des großen Gottes Bes gegründet wurde, sicher verheißungsvoll und umgeben vom Flair der Unbesiegbarkeit.

Das ist 2.500 Jahre her, doch diese Steine haben überdauert und bis heute eine Lebensgemeinschaft ermöglicht. Zwar gab es Phasen, in denen die Stadt verfiel, doch sie wurde immer wieder repariert und wieder aufgebaut. So blieb die architektonische Expertenhandschrift der Phönizier erhalten. Auch ist anzunehmen, dass Lesen, Schreiben und Buchhaltung in der Epoche der Phönizier in Dalt Vila alltäglich waren. Denn sie hatten das erste Alphabet (ohne Vokale) erfunden und im gesamten Mittelmeerraum verbreitet. Zudem trugen sie zur Alphabetisierung anderer sozialer Schichten jenseits der Priester-Kaste bei.

Ihre Gesellschaft war, obwohl es sich um eine Oligarchie handelte, ausgeglichener, integrierter und repräsentativer als jede andere, die vor dem Athener Demokratieexperiment im 5. Jahrhundert vor Christus entwickelt worden war. Die Griechen ihrerseits gaben den phönizischen Einfluss in ihrer politischen Entwicklung offen zu.

Eine andere der bahnbrechenden historischen Beiträge der Phönizier war die Entwicklung der Weinkelterei. Als Lieferanten der „schöneren Dinge des Lebens“ züchteten sie in akribischer Art und Weise unterschiedliche Traubensorten und verbreiteten sie im gesamten Mittelmeergebiet. Durch Pflege und Sorgsamkeit war die phönizische Weinherstellung auf modernstem Stand. Durch eine ausgefeilte Technik entstanden unterschiedliche Weinsorten, die nicht nur dem menschlichen Konsum dienten, sondern auch als Trinkopfer für die Götter verwendet wurden. Die meisten der besten europäischen Weinanbaugebiete, wie beispielsweise Spanien, Frankreich, Italien oder Portugal, schulden diesem phönizischen Know-how Dank, denn es beeinflusste die Entwicklung ihrer Kulturen in positiver Weise. Nahezu alle phönizischen Küstenkolonien verfügten über Weinanbaugebiete, Ibiza bildete keine Ausnahme. Die große Anzahl der auf Ibiza hergestellten und im gesamten Mittelmeerraum gefundenen Amphoren und Tonscherben belegen dies. Man kann davon ausgeben, dass der Wein, der auf Ibiza gekeltert wurde, nicht nur auf der Insel konsumiert, sondern auch exportiert wurde.

Fazit: Die Phönizier waren ein vornehmes Volk, das lesen und schreiben konnte, sie reisten, handelten, beteten und lebten bevorzugt in Frieden. Überall, wo sie landeten, verbesserten sie die menschliche Lebenssituation, weil sie ihr ergiebiges Wissen und ihre Fachkenntnis großzügig teilten. Charakteristisch war ihre Solidarität, die sie im Austausch mit anderen fortschrittlichen Völkern wie den Griechen, Ägyptern oder Etruskern zeigten, aber auch mit Menschen, die in weniger entwickelten Gesellschaften lebten. Sie führten Ibiza behutsam aus der Dunkelheit des Bronzezeitalters in die Eisenzeit und hinterließen eines der wertvollsten Kulturerben, das die antike Welt damals zu bieten hatte. ­­

Dies ist der erste Teil der Ibiza-Geschichtsserie, die in den kommenden Ibicasa-Ausgaben veröffentlicht wird. Wir freuen uns, dass die Autorin Emily Kaufman ihre profunden Geschichtskenntnisse und ihren wunderbaren Schreibstil mit uns teilt.