AUSGABE 83: Juni - August 2017

BIG PHARMA - Das wirkliche Medikamentenproblem

Jerry Brownstein
Wenn Leute über die großen Pharmaunternehmen der Welt sprechen, verwenden sie den Begriff „Big Pharma“. Und diese Industrie ist tatsächlich „Big“ (dt.: groß). Im vergangenen Jahr lag deren Einkommen bei 1,2 Billionen Euro, 1.200.000.000.000! Um diese riesige Summe in ein Verhältnis zu setzen: Es ist dreimal soviel, wie die spanische Regierung pro Jahr ausgibt. Angesichts der Größe der Pharmaindustrie und ihrer Präsenz in unserem Leben, müssen zwei wichtige Fragen gestellt werden: 1. Ist es in Ordnung, dass eine Industrie mit unseren Krankheiten eine derart obszöne Menge Geld verdient? 2. Sorgen sich diese Unternehmen tatsächlich um die Gesundheit des Menschen?

Bevor wir zu tief in die Diskussion eintauchen, sollte erwähnt werden, dass diverse Medikamente das Leben vieler Menschen wirklich verbessert und ihren Tod verhindert hat. Die Entdeckung der Antibiotika ist wohl das beste Beispiel. Heutzutage fällt es schwer zu glauben, dass einfache bakterielle Infektionen einen Großteil der Bevölkerung töten oder unsere Körper schwer schädigen können. Antibiotika beendeten diese Geißel der Menschheit, allerdings wird ihre Wirkung mittlerweile eingeschränkt, da sie zu oft verschrieben und auch in der Tierzucht verwendet werden. Auch andere Medikamente haben bei der Heilung und Genesung geholfen. Zudem gibt es engagierte Wissenschaftler, die jeden Tag nach neuen Heilmitteln forschen. Aber die Industrie wird im Innersten von einem Krebsgeschwür zerfressen, deshalb muss eine Überprüfung stattfinden.

Die pharmazeutischen Konzerne sind Aktiengesellschaften, und per Definition haben diese nur ein Ziel: Ihre Aktionäre reicher zu machen. Diese Gesellschaften benötigen deshalb einen kontinuierlichen Kundenstrom, der ihre Waren und Serviceleistungen zu profitablen Preisen kauft. Die Kunden der „Big Pharma“ sind kranke Menschen. Und es ist gut für diese Gesellschaften, wenn es viele Kranke gibt, die für ihre Pillen und Behandlungsmethoden viel Geld zahlen. Ihre Ziele sind deshalb nicht Gesundheit und Wohlbefinden, sondern genau das Gegenteil. Eine gesunde Bevölkerung wäre ein Desaster für die Konzerne. Keine Kranken = keine Kunden = keine Gewinne = keine Aktiengesellschaften. Deshalb sind diese Konzerne darum bemüht, Menschen dauerhaft krank zu erhalten, damit sie so viele Medikamente wie möglich nehmen. Die Unternehmen wollen nicht, dass Menschen sterben, denn dadurch würden sie Kunden verlieren. Sie wollen nur, dass Menschen krank genug bleiben, damit sie auch weiterhin Medikamente kaufen. Wie also verwirklichen sie ihren perversen Business-Plan?

Erst einmal müssen sie die meisten Ärzte auf ihre Seite ziehen. Denn diese empfehlen die Medikamente und schreiben Rezepte aus. Und die meisten Leute tun genau das, was ihre Ärzte ihnen raten. Indem also „Big Pharma“ die Ärzte kontrolliert, kontrolliert die Industrie auch die Patienten, ihre Kunden. Diese Kontrolle beginnt bereits beim Studium, denn die Pharmaunternehmen spenden den Ausbildungszentren Millionen von Euro, um Einfluss auf die Schulung der angehenden Ärzte zu haben. Daraus resultiert, dass Ärzte nach ihrem Studium zwar viel darüber wissen, welche Medikamente zu verschreiben sind, aber wenig über Ernährung und darüber, wie die Gesundheit bewahrt werden kann. Es besteht kein Zweifel, „Big Pharma“ will keine gesunde Bevölkerung, deshalb werden die Mediziner darin geschult, mit Krankheiten umzugehen. Nicht darin, Gesundheit zu fördern.

Dieser Einfluss besteht auch noch nach dem Studium fort, denn die praktischen Ausbildungsjahre werden ebenfalls zum großen Teil von der Pharmaindustrie subventioniert. So werden Ärzte regelmäßig über neue Medikamente und deren Einsatzbereiche informiert. Die Konzerne laden Ärzte zu Konferenzen ein, zu wirklich kostspieligen Urlaubstagen, die organisiert werden, um noch mehr Werbung für Medikamente machen zu können. Zudem werden Privatärzte regelmäßig von Pharmavertretern besucht, die ihnen Gratisexemplare und Informationen über ihre neuesten Medikamente vorbeibringen.

So ziehen sie die Ärzte auf ihre Seite und erhöhen den Pillenkonsum. Aber wie schaffen sie es, dass die Leute krank bleiben und weiterhin ihre Hilfe benötigen? „Big Pharma“ hat diverse Möglichkeiten, dieses Ziel zu erreichen. Zuerst einmal beheben die Medikamente, die sie uns geben, nicht die Ursachen unserer Krankheiten. Stattdessen überdecken sie nur die Symptome. Die Patienten (Kunden) mögen sich für kurze Zeit besser fühlen, aber ihre Krankheit ist immer noch da, weshalb sie immer wieder Pillen oder Injektionen benötigen. Obendrein haben die Medikamente viele potentielle Nebenwirkungen, die wiederum neue Krankheiten auslösen. Es ist ein Teufelskreis: Die Medikamente lindern die Symptome kurzfristig, aber wer sie über einen längeren Zeitraum einnimmt, bekommt andere Krankheiten, und noch eine … und noch eine. Und was machen die Ärzte? Sie verschreiben noch mehr Medikamente. Mit mehr Nebeneffekten, die zu weiteren Krankheiten führen können. Und so weiter und so fort. Kein Wunder also, dass Großmutter täglich fünf Pillen nimmt.

Ein weiterer Trick der Pharmaindustrie ist, dass sie irreführende Testergebnisse und Werbung veröffentlichen, um ihre Kunden bei der Stange zu halten. Ein perfektes Beispiel hierfür sind die sogenannten Statine, das sind Medikamente, die den Cholesterinspiegel im Blut senken. Diesem wird nachgesagt, dass er, sofern er zu hoch ist, für die meisten Herzkrankheiten verantwortlich ist. Statine wurden erfunden, um den Cholesterinspiegel bei Patienten mit Herzerkrankungen zu senken. Aber das reichte „Big Pharma“ nicht. Obendrein setzten sie die Ärztekammern unter Druck, um die Anzahl der Patienten zu erhöhen, die Medikamente zur Senkung des Cholesterinspiegels benötigen. Zu Beginn wurde die Höhe des Cholesterinspiegels bei 250 festgesetzt, danach wurde er auf 225 gesenkt, dann auf 200. Und aktuell liegt der Grenzwert bei unter 200, und die Medikamente werden mittlerweile sogar Kindern verschrieben. Statine sind die größten Geldmaschinen in der Geschichte der Pharmaindustrie, Millionen Menschen sind ihr ganzes Leben von ihnen abhängig. Obwohl sie nicht einmal wirken.

In den vergangenen zehn Jahren haben zahlreiche Studien ergeben, dass Cholesterin nicht für Herzinfarkte verantwortlich ist. Obendrein haben Statine ernste Nebenwirkungen, werden sie über einen langen Zeitraum eingenommen. Die geschürte Cholesterin-Panik und die massive Verschreibung von Statinen sind also nicht gerechtfertigt. Aber viele Menschen, einschließlich vieler Ärzte, glauben immer noch daran. Die Pharmaindustrie hat nicht nur eine sorgfältige Gehirnwäsche bei den Leuten durchgeführt, sie hat die Veröffentlichung dieser Forschungsergebnisse auch unterdrückt. Dies ist nur ein Beispiel für den langen Arm, den die Pharmaindustrie spielen lässt, um ihre Gewinne zu schützen. Das Leben ihrer Patienten/Kunden spielt dabei keine Rolle.

Ein anderes Problem sind irreführende Forschungen. Denn „Big Pharma“ finanziert die meisten Medikamententests, und häufig werden Studienergebnisse, die ihre Medikamente nicht unterstützen, verheimlicht. Und selbst die Forschungsergebnisse, die positiv vermarktet werden können, sind oft trügerisch. In einer dieser Studien wurde 1.000 Probanden ein wirkliches Medikament gegeben, weitere 1.000 erhielten Placebos. Zwei der Medikamenten-Probanden starben während der Testreihe, aber auch drei der Kandidaten, die nur Placebos erhalten hatten. In anderen Worten: Die Einnahme der Medikamente hatte nichts mit dem Tod der Probanden zu tun. Trotzdem wurde das Medikament mit dem Argument vermarktet, es sei zu 50 Prozent effektiver bei der Rettung des Lebens. Ja, drei ist 50 Prozent mehr als zwei, aber wahr ist auch, dass weniger als ein Zehntel eines Prozents so oder so gestorben wäre. Statistisch betrachtet, ist das fast null. Diese irreführende Werbung wird an Ärzte geschickt, die keine Zeit haben, die Studien detailliert zu lesen und sich deshalb nur am Titel orientieren: „Zu 50 Prozent effektiver.“

Man kommt zu dem Schluss, dass unsere Gesundheit nicht wie ein gewinnorientiertes Business behandelt werden sollte. Jeden Tag gehen Millionen kompetente und es gut meinende Ärzte, Krankenschwestern, Forscher und anderes Krankenhauspersonal zur Arbeit, und die meisten von ihnen wollen das Leben der Kranken wirklich verbessern. Aber bedauerlicherweise sind sie Bauernopfer eines korrupten Systems. Das Ziel unseres Gesundheitssystems sollte nicht sein, die Gewinne der Pharmaindustrie zu erhöhen. Das alles führt zu der perversen Situation, in der wir uns aktuell befinden. „Big Pharma“ wünscht sich, dass jeder von uns täglich und bis zum Lebensende viele Medikamente nimmt. Menschen wirkliche Heilung zu bringen, ist nicht Teil ihres Business-Modells. Sollte Morgen ein Heilmittel gegen Krebs erfunden werden, würden diese Unternehmen über Nacht Billionen Euro verlieren, denn die Gewinne, die kostspielige Krebsbehandlungen einbringen, würden entfallen. Die Pharmaindustrie will nur Gewinne machen, deshalb werden sie keine wirklichen Heilmethoden zulassen. Das ist die Krankheit, von der unser Gesundheitssystem befallen ist. Das Ziel ist Gewinnmaximierung, nicht die Gesundheit. Es ist Zeit, aufzuwachen und darüber nachzudenken, wie wir uns von einem System entfernen können, das darauf angelegt ist, uns krank zu halten, um Gewinne zu erzielen. Statt Medikamente zu nehmen, die uns krank machen, sollten wir uns auf ein System zubewegen, das uns so gesund wie möglich erhält. •

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