AUSGABE: Februar - April 2017

Mit der Geldbörse wählen

Von Carmen Loren
Viele von uns sind zu dem Schluss gekommen, dass wir durch die Entscheidung, wo und für welche Dinge wir unser Geld ausgeben, politisch, sozial und wirtschaftlich mehr bewegen können, als durch unsere Stimmabgabe bei Wahlen, die alle vier Jahre stattfinden. Immer mehr Menschen investieren ein wenig ihrer kostbaren Zeit, um die Fakten über ihr Einkaufsverhalten kennenzulernen. In einer globalisierten Welt kann man sich diesbezüglich leicht hilflos und verwirrt fühlen. Denn es ist schwer, hinter die Kulissen zu schauen und zu verstehen, wer die Entscheidungen trifft, die das Leben von Millionen von Menschen beeinflussen. Durch unsere kleinen täglichen Einkäufe können wir unseren Widerstand gegen viele Ungerechtigkeiten manifestieren, die hinter einzelnen Produktnamen stehen. Die Liste dieser üblen gesellschaftlichen Praktiken beinhaltet: Kinderarbeit und die Ausbeutung der Arbeitnehmer in Dritte-Welt-Ländern, die giftige, gefährliche und gesundheitsgefährdende Substanzen herstellen oder mit diesen umgehen müssen. Diese Produkte und Materialien schaden der Umwelt und kontaminieren die natürlichen Ressourcen. Tiere werden misshandelt, Fettleibigkeit und andere Krankheiten, die sich heutzutage wie eine Epidemie ausbreiten, werden gefördert.



Wir können mit „unserer Geldbörse wählen“, indem wir keine Produkte von Firmen kaufen, die üble Geschäftspraktiken anwenden. Aber zuerst einmal müssen wir uns darüber informieren, welche Produkte man vermeiden sollte. Das moderne Leben ist schnell, wir sind immer beschäftigt und in Eile, was dazu führen kann, dass wir automatisch und unbewusst handeln: Wie der schnelle und mechanische Einkauf in einem Supermarkt. Auch überlassen wir es der Lebensmittelindustrie, welche Zutaten in unserer Nahrung enthalten sind. Die gute Nachricht ist, dass sich immer mehr Menschen für ein bewussteres Leben entscheiden. Ein verantwortlicher Konsument zu werden, ist ein wichtiger Aspekt für all diejenigen, die einen ausgeglichenen, bewussteren und achtsameren Lebensstil anstreben. Für diese Menschen ist der Kauf von Bio-Lebensmitteln nicht einfach nur eine Frage der persönlichen Gesundheit, sie betrachten dies als globale Angelegenheit mit weitreichenden Konsequenzen.

Der amerikanische Journalist und Autor Michael Pollan propagiert deshalb das Essen in den eigenen vier Wänden. „Kochen ist ein politischer und revolutionärer Akt“, sagt er. Es bedeute, dass wir konventionelle Essgewohnheiten vermeiden und wieder in den direkten Kontakt mit unseren Nahrungsmitteln kommen. Dazu gehört auch, sich bewusst zu machen, dass ein Stück Fleisch von einem Tier stammt, und dass es wichtig ist zu wissen, ob dieses in seinem Leben respektvoll behandelt wurde. Die Zeit, die wir in unserer Küche verbringen, sei auch ein Akt der Liebe – uns selbst und allen anderen gegenüber, die in den Genuss unseres Essens kommen würden, urteilt Pollan. Wir auf Ibiza haben Glück, denn es gibt zahlreiche Plätze, wo wir Bio-Produkte oder „Null-Kilometer-Nahrungsmittel“ kaufen können. Überall auf der Insel gibt es Biohöfe, Märkte und Läden, die lokale Produkte im Angebot haben. Dies bedeutet, dass unser Geld in der Gemeinschaft bleibt, in der wir leben – es landet nicht in den Taschen eines weit entfernten Lebensmittelkonzerns.



Und es gibt weitere gute Nachrichten: Diejenigen, die zum verantwortlichen Konsumenten werden wollen, können sich immer besser darüber informieren, was sich hinter den Produkten verbirgt, die sie kaufen. Vor kurzem haben zwei junge spanische Journalisten, Laura Villadiego und Nazaret Castro, ein Buch mit dem Titel „Carro de combate. Consumir es un acto político” veröffentlicht. Allein der Titel unterstreicht, dass man seinen Einkaufswagen als aktives politisches Mittel einsetzen kann. Das Buch ist ein Einkaufsführer, in dem in 20 detaillierten Artikeln alle Informationen enthalten sind, die wir über unsere wichtigsten Einkäufe kennen sollten. Auch auf der Webseite der beiden Autoren (www.carrodecombate.com) finden sich viele interessante Artikel und Publikationen. Darunter beispielsweise eine Liste von Produkten, die durch Kinderarbeit entstehen. Erwähnung finden auch die zwölf gefährlichsten Chemikalien, die in Kosmetikprodukten enthalten sind, die wir täglich benutzen. Oder alle Details, die sich hinter dem industriellen Anbau von Mais, Palmöl, Baumwolle und anderen Materialien verbergen, die in der Textilindustrie verwendet werden. Artikel über interessante Alternativen und Fair Trade fehlen nicht. Villadiego und Castro machen uns obendrein darauf aufmerksam, dass Zucker eines der Produkte ist, das wir nicht mehr kaufen sollten. Nicht nur, weil Zucker schädlich für unsere Gesundheit ist, sondern auch aufgrund der sozialen Aspekte und der miserablen Arbeitsbedingungen, die in dieser Industrie üblich sind.

Eine weitere gute Informationsquelle ist auch das elektronische Greenpeace-Ranking, in dem Produkte nach folgenden Kriterien bewertet werden: Die Energieform, die bei ihrer Produktion angewendet wurde. Die Giftigkeit der Materialien, die Lebensdauer von Geräten sowie die Herkunft der Mineralien, die für ihren Bau notwendig sind. Dieses Ranking wird auf Spanisch, Englisch, Französisch und Deutsch auf den diversen Webseiten der Nichtregierungsorganisation verbreitet. Zudem wurde 2015 die zweite Ausgabe des „Fairphones“ auf den Markt gebracht. Eine interessante Alternative einer holländischen Handy-Firma, die Smartphones verkauft, die fairen Standards folgen. Alle Mineralien, die für diese Geräte verwendet werden, kommen aus „kriegsfreien“ Gebieten. Und diese Handys sind so hergestellt, dass man sie immer wieder reparieren kann, Ersatzteile sind problemlos erhältlich und nicht teuer. Das Fairphone 2 kostet 525 Euro und kann über die Webseite der Firma erworben werden. Eine weitere interessante Informationsquelle für bewusste Konsumenten ist die kürzlich aktivierte Vergleichs-Suchmaschine „Abouit“, die ethischen Grundlagen folgt. Es handelt sich um eine Onlineplattform, die in Barcelona ins Leben gerufen wurde und auf der Berichte und Analysen rund um 400 Produkte veröffentlicht werden. Sowohl Umweltaspekte als auch Arbeitsbedingungen und Gesundheitsschädlichkeit werden in Betracht gezogen. (http://www.abouit.eu/)

Wie Sie sehen, gibt es viele Möglichkeiten, sich darüber zu informieren, was sich hinter unseren täglichen Einkäufen verbirgt. Dadurch haben wir die Chance, selbst zu entscheiden, inwieweit wir durch unser Konsumverhalten die Welt in der wir leben beeinflussen wollen. Und die Unternehmen sind sich zweifelsohne bewusst, dass die Anzahl der verantwortungsbewussten Konsumenten steigende Tendenz hat. Unsere Entscheidung darüber, wo und in welche Produkte wir unser Geld investieren, kann einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung unserer Welt haben.