AUSGABE: Oktober - Dezember 2016

Muhammad Ali - Ikone des 20. Jahrhunderts

Von Jerry Brownstein
Muhammad Ali war einer der größten Schwergewichtsboxer aller Zeiten. Zudem sorgte sein unglaubliches Leben über den Boxring hinaus für gesellschaftliche Veränderungen. Sein agiler Geist, seine lebhafte Persönlichkeit, sein freches Selbstbewusstsein und der Mut, für seine Überzeugungen einzutreten, ließen einen Magnetismus entstehen, der durch den Sport allein nicht möglich gewesen wäre. So schrieb ein Biograph über ihn: „Seine Persönlichkeit hat er selbst erschaffen. Seine Schlagfertigkeit, sein politischer Widerstand, seine globale Berühmtheit und seine Originalität sind einzigartig. Kein Schriftsteller der Welt hätte es gewagt, eine solche Romanfigur zu ersinnen.“
 
Muhammad Ali wurde 1942 unter dem Namen Cassius Clay in Louisville in Kentucky geboren. Eine Stadt, die damals wie viele andere in den Südstaaten der USA vom Rassismus zerrissen war. Dort wurde eine äußerst beschämende Form der amerikanischen Apartheid praktiziert, die man „Jim Crow” nannte. In den meisten der Geschäften, Restaurants, Hotels und Unternehmen hingen Schilder, die darauf hinwiesen, dass nur „Weiße” eintreten durften. Aber der Schmerz, Opfer eines institutionellen Rassismus zu sein, sollte erst später an die Oberfläche gelangen, in seiner Teenager-Zeit fühlte Ali sich zum Boxen hingezogen. Er war ein Naturtalent, als 18-Jähriger gewann er 1960 eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Rom. Sein breites Lächeln und seine geistige Schlagfertigkeit machten ihn schnell zum Star.

 
Kurz nachdem er in seine Heimat zurückgekehrt war, startete Ali seine professionelle Box-Karriere. Und in kürzester Zeit stellte er die gesamte Boxszene auf den Kopf. Bis dahin galt das Boxen als schwerfälliger, brutaler Sport. Vor allem Schwergewichtler waren ungemein langsam und unbeweglich. Aber Clay war anders. Sein Boxstil vereinte Schnelligkeit, Beweglichkeit und Kraft. In einer einzigartigen Weise, die bis dahin in der Schwergewichtsklasse unvorstellbar gewesen war. Seine anmutigen Bewegungen im Ring erinnerten eher an einen Tanz als ans Boxen. Seine blitzschnellen Reflexe ließen seine Gegner verzweifeln, und sie machten es ihnen fast unmöglich, ihre Treffer zu landen. Die Geschwindigkeit seiner Schläge war beeindruckend, in schnellen Kombinationen ließ er seine Fäuste aus allen Winkeln auf seine Gegner niederhageln. Und diese waren nicht selten am Ende des Kampfes benommen, verwirrt oder sogar ohnmächtig.
 
So dynamisch Ali beim Boxen war, so unterhaltsam und einzigartig war er auch außerhalb des Rings. Er war frech, schlagfertig, clever und skandalös. Schon zu Beginn erklärte er: „Ich bin der Größte” oder „Schaut mich an, ich bin so schön“. Immer hatte er lockere Sprüche oder Reime parat, mit denen er seinen Sieg prophezeite. Wie beispielsweise „There’s no chance for Moore and he will fall in four“ (dt.: Moore hat keine Chance, er wird in der vierten Runde fertig sein). Und natürlich wurde Mr. Moore in der vierten Runde ausgeknockt. Ali kommentierte seine Kämpfe immer im Voraus – die meisten Zuschauer liebten das, andere hingegen hassten es. In den frühen 1960er Jahren kündigte sich in den USA ein großer Wandel an, der das Leben künftiger Generationen verändern sollte. Junge Menschen identifizierten sich deshalb mit dieser unangepassten Persönlichkeit, die über alte Traditionen lachte und den Mut hatte, Gedanken offen auszusprechen. Ältere, konservativere Leute aber fühlten sich beleidigt durch diesen dreisten jungen Mann, dessen Mundwerk ebenso schnell war wie seine Fäuste. Ali war der personifizierte Generationskonflikt.

 
Clay gewann alle Kämpfe, und 1964 bekam er schließlich die Chance, um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht zu boxen. Sein Gegner, der Champion Sonny Liston, galt als unbesiegbare Naturgewalt. Viele Menschen befürchteten deshalb, dass er diesen jungen Mann aus Louisville in Grund und Boden stampfen würde. Aber Cassius Clay hatte einen Plan. In der Vorbereitungszeit dieses Wettkampfs provozierte er den stärkeren und größeren Liston mit Kommentaren wie „Sonny ist zu hässlich für einen Weltmeistertitel. Ein Weltmeister sollte so gut aussehen wie ich. Ich werde die Welt schockieren“. Und genau das tat er.
 
Zu Beginn des Kampfes kam Liston aus seiner Ecke, fest entschlossen, den Jüngling zu schlagen, doch Clay tanzte und duckte sich, sodass der „alte hässliche Bär” keinen Treffer landen konnte. Nach mehreren Runden wurde Liston müde und Clay begann damit, ihn mit schnellen Schlagkombinationen zu attackieren. In der siebten Runde war Liston erledigt. Blutig geschlagen, erschöpft – und gründlich blamiert. Der Kampf war vorbei, und tatsächlich hatte der 21-jährige Cassius Clay die Welt geschockt, als er Schwergewichtsweltmeister wurde. Und natürlich blieb er sich treu und beschimpfte die „Experten” von der Presse, die seinen Untergang vorhergesagt hatten. „Ich habe Euch ja gesagt, ich bin der Größte“, ließ er sie wissen.

 
Clay war auf der Höhe seines Triumphs. Doch dieser sollte weniger als 24 Stunden dauern. Denn am Tag nach seinem Kampf kündigte er an, er werde nicht mehr unter dem Sklavennamen Cassius Clay boxen, sondern unter seinem neuen Namen Muhammad Ali. Das hatte Gründe: Ali fühlte sich eng verbunden mit Malcom X, zudem hatte er sich der „Nation of Islam“ angeschlossen, einer Organisation, die den Stolz der Farbigen verteidigte und der muslimischen Religion nah war. 1964 war ein schwieriges Jahr für die USA, es gab viele Rassenunruhen. Deshalb betrachteten viele Menschen diese Organisation mit Furcht und Argwohn. Selbst viele von Alis jüngeren Fans taten sich schwer, diese Namensänderung zu akzeptieren. Aber sie überwanden ihre Skepsis, als sie erkannten, dass sich die Gesellschaft in diesen aufregenden 1960er Jahren rasant veränderte. Die ältere Generation, die sich schon vorher über Alis Art empört hatte, fühlte sich hingegen noch bedrohter.
 
Die Kontroverse um Alis Namens- und Religionswechsel beeinträchtigte seinen Erfolg im Boxring übrigens nicht. In den folgenden Jahren besiegte er jeden Top-Schwergewichtler der Welt. Mit Leichtigkeit. Das war der Ali, an den sich eingefleischte Box-Fans immer erinnern werden – ein einzigartiger Schwergewichtsboxer. Er schien dafür bestimmt, für viele Jahre Champion zu bleiben. Doch es sollte anders kommen...

 
Amerika zog in den Vietnam-Krieg. 1967 wurden alle jungen Männer aufgefordert, der Armee beizutreten. Aber Clay verweigerte und sagte: „Warum sollte ich in ein Land gehen, das 10.000 Meilen entfernt liegt, und dort Menschen töten, die mir nichts getan haben? Mittlerweile werden Schwarze in Louisville wie Hunde behandelt, die einfachsten Bürgerrechte werden ihnen verwehrt. Ich werde nicht gehen. Und wenn ich deshalb ins Gefängnis muss, was soll’s? Meine Leute befinden sich seit 400 Jahren in einem Gefängnis.“ Ali hatte seine Kindheit in den rassistischen Südstaaten nicht vergessen, und er hatte den Mut, für seine Überzeugungen einzutreten. Doch dafür musste er einen hohen Preis zahlen.
 
Ins Gefängnis musste er zwar nicht, da er Berufung einlegte, aber alle Box-Kommissionen entzogen ihm die Kampflizenz. Das war die Rache der alten, konservativen Box-Garde, die diesem unschlagbaren jungen Mann übelnahmen, dass er ihnen die Stirn bot und ihre Traditionen belächelte. Fast vier Jahre lang – Ali befand sich in seiner körperlichen Höchstform – durfte er nicht kämpfen. 1971 stellte der Höchste Gerichtshof der USA seinen Fall schließlich ein, doch seine besten Jahre waren verloren, er war längst nicht mehr der Kämpfer, der er vor seiner Sperre war. 1971 kämpfte Ali um den Titel, doch er verlor ihn knapp. Es sah ganz danach aus, als seien die Tage des Champions vorüber. Aber nur drei Jahre später gelang ihm ein neuer Coup, er schlug den als Favoriten gehandelten jungen Champion George Foreman, in einem Kampf, den er selbst als „The Rumble in the Jungle“, also als historischen Boxkampf bezeichnete. Trotz seiner abnehmenden boxerischen Fähigkeiten und seines alternden Körpers, gelang es ihm, den Titel weitere fünf Jahre zu behalten, bis er sich 1979 aus dem Boxring zurückzog.

 
Nach seinem Rücktritt wurde er zu einem lebenden Symbol des Friedens und des Muts, dafür wurde er von allen geliebt. Ali war ein umherstreunender Botschafter für die UN und trotz seiner beginnenden Parkinson-Krankheit war er in der Lage, 1996 die Olympische Flamme zu entzünden. Die Krankheit nahm seinen Lauf, er baute immer mehr ab, aber der Glanz in seinen Augen verlosch nicht und seine Präsenz war nach wie vor zu spüren. Muhammad Ali starb am 3. Juni 2016. Aus dem Nichts kommend, wurde er zum wohl berühmtesten Menschen der Welt. Er war ein Symbol, und er sorgte in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts für Veränderungen in unserer Art des Denkens und Seins. Ali war nicht nur ein Top-Athlet, er war ein Meister des verspielten Reimens und des witzigen Spotts. Er war ein mitreißendes Beispiel für Rassenbewusstsein, ein Charakter, der über einen immensen persönlichen Mut und große Selbstachtung verfügte. Eben eine Ikone. •

 
Auch Ibiza ist mit dieser Geschichte verwoben...
Denn in den 1970er Jahren lebte der Bildhauer Jesse Richardson auf der Insel, und dieser ließ sich von Ali zu einer besonderen Bronzeskulptur inspirieren. Es war die erste Bronzeskulptur, die speziell für Muhammad Ali angefertigt und von ihm persönlich unterstützt wurde. Sie wurde „The Greatest“ benannt und Ali war sehr stolz auf sie. Heute werden Kopien dieser großen Skulptur im Rahmen einer Hommage an Muhammad Ali in all den Städten der Welt  installiert, wo er einst gekämpft hat.