AUSGABE: April - Juni 2016

Die großartige Arbeit von Food for Ibiza

Jerry Brownstein
Nina Negru ist eine Frau mit einer außergewöhnlichen Vision, sie hat die Wohltätigkeitsplattform „Food for Ibiza“ gegründet, mit der sie zwei Hauptziele verfolgt: Familien helfen, die nicht genügend Geld haben, um sich zu ernähren, und verhindern, dass Nahrungsmittel weggeworfen werden. Grundsätzlich hört sich das Konzept einfach an: Man nimmt das Essen, das auf der Müllkippe landen würde und gibt es Menschen, die es benötigen. Aber IbiCASA konnte sich davon überzeugen, dass für diese Zielsetzung nicht nur gute Vorsätze notwendig sind, sondern auch viel Einsatz und Arbeit.
 
Nina, die in Deutschland geboren wurde, zog 2005 nach Ibiza. Als Architektin fiel ihr bald der Unterschied zwischen ihren superreichen Kunden und den armen Familien der Insel auf. Nina war schon immer ein Mensch, der gerne anderen Menschen half, und aus diesem wunderbaren Mitgefühl heraus entstand „Food for Ibiza“. Seinen Lauf nahm das Projekt an einem Tag im November 2014, als Nina die Einkäufe für ihre Familie tätigen wollte. Vor dem Supermarkt saß eine bettelnde Frau. Spontan näherte sie sich ihr und fragte, an was es ihr fehlen würde. Überraschenderweise wollte die Frau kein Geld, sondern etwas zu essen: „Vielleicht eine Banane …“ Die warmherzige Nina ging sofort in den Laden und kam mit einer Tüte Grundnahrungsmittel wieder heraus, die sie der Fremden schenkte. Die tiefe Dankbarkeit und Freude, die ihr daraufhin zuteil wurde, berührte sie.
 
Das brachte sie zum Nachdenken. Warum gab es auf Ibiza Menschen, die auf der Straße um Essen bitten mussten, obwohl wunderbare Hilfsorganisationen wie Caritas oder das Rote Kreuz existierten, die einen fantastischen Job machten? Die Erfahrung berührte sie so sehr, dass sie auf Facebook nach Menschen suchte, die daran interessiert waren, etwas gegen dieses Problem zu unternehmen. Ihr Facebook-Aufruf brachte positive Ergebnisse, sie fand ihre ersten freiwilligen Helfer und „Food for Ibiza“ war geboren! Damals stand Weihnachten gerade vor der Tür und Nina und ihr Team staunten über die Großzügigkeit der zahlreichen Insulaner, die dem Spendenaufruf ganz spontan folgten. Aber das war nur der Anfang, denn Nina hatte noch andere Ideen.
 
Dabei ließ sie sich von der deutschen Hilfsorganisation „Die Tafel“ inspirieren. Nina wollte nicht nur gespendete Lebensmittel an bedürftige Familien weitergeben, sondern gleichzeitig „Abfällen“ aus Supermärkten, Bäckereien und Restaurants eine sinnvolle Weiterverwendung angedeihen lassen. Denn diese Nahrungsmittel, die normalerweise im Müll enden, sind nach Ninas Angaben oft noch in gutem Zustand und perfekt zu gebrauchen. Selbst wenn das Haltbarkeitsdatum der Lebensmittel einen oder zwei Tage überschritten oder die Verpackung leicht beschädigt ist, bedeutet dies nämlich nicht, dass sie nicht mehr für den menschlichen Konsum taugen. Aber weil es verboten ist, diese Produkte zu verkaufen, landen sie im Müll. „Eine riesige Verschwendung“, fand Nina und machte sich daran, das zu verändern. In nur einem Jahr schufen sie und ihr Team ein Netzwerk, um abgelaufene Nahrungsmittel von diversen Supermärkten, Bäckereien oder Vermietern von Ferienvillen abholen zu können.

Mit der Unterstützung von etwa zehn Freiwilligen und der Hilfe von Ninas Familie verteilt Food for Ibiza mittlerweile alle sieben bis zehn Tage Lebensmittel an bedürftige Familien. Derzeit helfen sie etwa 50 Menschen, unabhängig von Nationalität, Alter und Lebenssituation. Viele von ihnen leben in der Nähe von San Antonio, einige andere in Ibiza-Stadt. Manche benötigen nur ein oder zwei Monate lang Unterstützung, andere das ganze Jahr über. Im Sommer kämen viele allein zurecht, weil sie eine Saisonarbeit finden würden, weiß Nina. Aber diese Einkünfte reichen nicht, um auch im Winter überleben zu können.
 
Die meisten Familien werden von anderen Hilfsorganisationen mit Food for Ibiza in Kontakt gebracht, oder sie erfahren über andere bedürftige Personen oder Facebook von der Hilfsplattform. Die Kommunikation läuft meist über Handy und Whatsapp. Wenn Nina von bedürftigen Menschen hört, schickt sie ihnen einen Fragebogen, um mehr Informationen zu erhalten und sich ein Bild über die spezifischen Bedürfnisse des Einzelnen machen zu können. Diese Fragen zielen darauf ab, sich einen Eindruck über die wahre Lage zu verschaffen und über die Hilfe, die wirklich erforderlich ist. Gleichzeitig wird es leichter, die besonders Bedürftigen herauszufiltern. Nina ist nicht leicht hinters Licht zu führen. Und in der Regel sind die Menschen, die ihre Unterstützung beanspruchen, auch ehrlich. Sie bitten nur um Hilfe, wenn sie diese tatsächlich benötigen.
 
Und welche Pläne hat Nina für Food for Ibiza noch? Zuerst einmal müssen mehr Spendengelder her, damit die Plattform finanziell abgesichert ist, um weitermachen zu können. Außerdem wird bald eine Webseite online gehen und man ist dabei, sich als Hilfsorganisation registrieren zu lassen. Auch andere Verbesserungen sind erforderlich: Ganz oben auf Ninas Wunschliste stehen Lagerräume und ein Büroraum. Denn bisher hat sie alles von zuhause aus organisiert und die Lebensmittel werden dort in einem Anbau gelagert. Sie trifft die freiwilligen Helfer auf Parkplätzen oder anderen gut gelegenen Punkten, um die Waren zur Verteilung auszugeben. Nina ist zweifelsohne die treibende Kraft hinter diesem Projekt, dennoch ist sie charmant, nonchalant und bescheiden geblieben. Ohne die Hingabe ihres Teams und ihrer Familie, der Großzügigkeit von Insulanern oder Eventveranstaltern, wie beispielweise Hidden Bar‘s Easter Fayre im vergangenen Jahr, könnte ihre Initiative nicht funktionieren, berichtet sie. Bedenkt man, dass Nina ganztägig als Architektin arbeitet und zwei kleine Kinder hat, sind ihr Einsatz und Enthusiasmus bewundernswert – und könnte anderen als Inspiration dienen. „Ja, das alles kann manchmal stressig sein“, lächelt Nina, „aber wenn du die Familien siehst, denen du helfen kannst, wirst du für deine Arbeit entschädigt“.
 
Wer helfen oder unterstützen möchte, kann dies auf vielfältige Art und Weise tun: Man kann Lebensmittel abgeben, die bei Ferienvermietungen oder großen Partys übrig bleiben. Man kann das spenden, was im eigenen Gemüsegarten im Überfluss gewachsen ist und nicht benötigt wird. Geld ist natürlich ebenfalls willkommen, aber es reichen auch einige wenige Nahrungsmittel aus dem eigenen Haushalt. Wer mehr über die Hilfsplattform erfahren möchte, kann sich auf der Facebook-Seite Food for Ibiza informieren. Auch per E-Mail kann man sich mit Nina in Verbindung setzen: nina@foodforibiza.org