AUSGABE: Dezember - Februar 2016

Eine leidenschaftliche Künstlerfamilie

Helena Sánchez


 
Im Jahr 2013, inmitten der Wirtschaftskrise, schwamm die Familie Jiménez Chapu gegen den Strom, sie ignorierte alle schlechten Prognosen und entschied sich, auf Ibiza etwas für die Kunst zu tun. Sie gestalteten eine Webseite und später eröffneten sie eine Galerie.
 
Alles begann 1972 in Paris, wo Bernadette Chapu als Tochter einer Antiquariatsfamilie lebte. Sie hatte gerade ein fünfjähriges Studium der Kunst- und Museumsgeschichte abgeschlossen und leitete eine Galerie. Auch Fernando Jiménez aus Cáceres befand sich zu diesem Zeitpunkt in Paris, wo er an der Sorbonne sein Studium der französischen Philologie beendete. Gleichzeitig arbeitete er als Fotograf für das französische Ministerium für Raumordnung.
 
Bernadette und Fernando lernten sich auf dem Fest eines gemeinsamen Freundes kennen, er machte sie miteinander bekannt und ihre Romanze begann. In den kommenden Jahren beschäftigte sich Bernadette mit ihrer Galerie, Fernando arbeitete für Agenturen wie Rapho oder Sipa Press, für die er regelmäßig in Europa, Nordafrika und dem Mittleren Osten unterwegs war. So lebten sie tagein tagaus, bis ein einschneidendes Ereignis ihr Leben verändern sollte: 1975 kaufte sich einer von Fernandos Brüdern ein Bauernhaus auf Ibiza und zog auf die Insel. Er fühlte sich wie im Paradies und lud Fernando und Bernadette ein, ihn zu besuchen und Ibiza kennenzulernen. Das taten sie und als sie nach einem Monat Inselurlaub wieder in Paris angekommen waren, hatten sie nur einen einzigen Wunsch: Wieder zurückzukehren. Und trotz ihres gehetzten und sehr aktiven Lebens fassten sie ein Jahr später den Entschluss, alles hinter sich zu lassen und an den Platz zu ziehen, der ihr Herz erobert hatte. In der Nähe von Sant Agustí mieteten sie ein Bauernhaus ohne Strom oder Wasser, sie hatten einen kleinen Gemüsegarten und einige Tiere. Sie waren entschlossen, ihr Leben völlig auf den Kopf zu stellen, nur Fernando arbeitete zwischen 1977 und 1978 weiterhin für Agenturen wie beispielsweise Europa Press. Um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, verkauften sie auf dem Hippiemarkt in Es Canar Objekte, die sie selbst herstellten.
 

 
1978 nahm ihr Leben eine neue Wendung, ihre Zwillinge Elisa und Lionel wurden geboren. Aus diesem Grund kauften sie ein Haus und stürzten sich in ein neues unternehmerisches Abenteuer: die Regenwurmzucht. Mithilfe ihrer Regenwürmer produzierten sie natürlichen Dünger. Und im Laufe der nächsten Jahre eröffneten sie das erste Gartencenter der Insel, wo sie Kakteen und Sukkulenten verkauften. Fernando hatte die Fotografie aufgegeben, aber es gab in ihrem Haus kein Fest, bei dem nicht mindestens ein Künstler anwesend war. Alle waren Freunde der Familie. Elisa und Lionel wurden älter und schließlich entschieden sie sich, ein Kunstabitur zu absolvieren. 1997 ging Elisa nach Valencia, um Medienkommunikation mit Schwerpunkt Grafikdesign zu studieren. Lionel begann 1998 in Madrid ein Studium im audiovisuellen Produktionsbereich. Wodurch klar wurde, dass sich das künstlerische Talent in der Familie eindeutig durchgesetzt hatte. 1999 kam Elisa nach Ibiza zurück und arbeitete in einem Grafikunternehmen, aber Lionel blieb der Insel noch einige Jahre länger fern.
 

 
Erst 2010 begeisterte sich Fernando wieder für die Fotografie, doch auf völlig andere Art und Weise, dieses Mal widmete er sich der abstrakten Fotografie. Seit 2011 stellt er seine Arbeiten aus. Bei einem Familienessen im Jahr 2012 sorgten sich die Künstler darüber, dass auf Ibiza immer mehr Galerien schließen mussten. So entwickelte sich die Idee, eine virtuelle Kunstgalerie zu kreieren, um die Künstler maximal unterstützen und ihnen eine Ausstellungsplattform bieten zu können. Selbst wenn diese nur auf virtueller Ebene existieren würde. Dieser Plan wurde 2013 in die Realität umgesetzt. Bernadette, Fernando und Elisa entwickelten die Webseite „ArtFromIbiza.com”, im Fokus stand vor allem die abstrakte Kunst. Außerdem organisierte Elisa von Zeit zu Zeit Kollektivausstellungen für die Künstler, die auch auf ihrer Webseite vertreten waren. Und um das Thema weiter zu entwickeln, restaurierten Bernadette und Fernando 2014 schließlich einen ehemaligen Stall und verwandelten ihn in die Kunstgalerie „Garden Art Gallery”. Diese befindet sich direkt neben einem ehemaligen Dreschplatz, umgeben von Natur und einem Skulpturen- und Kakteengarten.
 

 
Noch ist die Wirtschaftskrise nicht ausgestanden, aber diese Familie unterstützt die Künstler auch weiterhin mit all ihrer Kraft. Obwohl sie genau weiß, dass es kein lukratives Geschäft ist. Aber Bernadette liebt ihre Galerie, und es ist ihr eine Freude, Künstler zu suchen, Ausstellungen zu organisieren und sich zu fühlen wie in ihren wilden Pariser Jahren. Fernando macht weiterhin seine abstrakten Fotografien und pflegt seine Kakteen. Elisa kümmert sich um die Webseite und organisiert auch gelegentlich Ausstellungen. Und Lionel, nachdem er etliche Jahre mit angesehenen Produktionsagenturen in Buenos Aires (Argentinien) und Madrid gearbeitet hat, lebt wieder auf der Insel und leitet seine eigene audiovisuelle Produktionsfirma „OneMonkey.tv“.  •