AUSGABE: Oktober - Dezember 2015

APNEEF, eine Hommage an das Leben und das Engagement

Von Marina G. Peñarrubia
Ibicasa sprach mit der Präsidentin und der Koordinatorin der Hilfsorganisation APNEEF, Susi Fresneda und Carmen Bonet, über die Geschichte des gemeinnützigen Vereins. Susi Fresneda war eines der ersten Mitglieder der Gruppe, die 1998 spontan gegründet wurde und sich auf Ibiza und Formentera um behinderte Kinder kümmert. Gemeinsam mit anderen betroffenen Eltern wollte Susi nur eines: Sich mit all ihrer Energie dafür einsetzen, dass Kinder mit Handicap die gleichen Chancen bekommen wie gesunde. Die Geschichte von APNEEF erzählt von bedingungsloser Liebe und Verbindlichkeit. Sie ist ein Beispiel dafür, dass auf Ibiza Werte und Gemeinsinn noch existieren.

 
Wie bei allen großen Dingen, hatten es auch die Begründer der APNEEF am Anfang nicht leicht. „Wir haben einen Schritt vor den anderen gesetzt, alles begann auf privater Basis. Wenn einer von uns ein Problem gelöst hatte, tauschten wir uns mit den anderen Eltern darüber aus. Eine Mutter fing an, sich mit Psychomotorik zu beschäftigen, eine andere mit Hydrotherapie. Die Eltern haben alles gemacht“, erzählt Susi Fresneda mit energischer Stimme. Bei unserem Gespräch ist ihr elfjähriger Sohn Lucas dabei, von dem sie sich nie trennt. Bei seiner Geburt gaben ihm die Ärzte eine Überlebenschance von einer Woche, denn er kam ohne Gehirnmasse auf die Welt und war zu 98 Prozent behindert. Sein Fall war bis dahin unbekannt, deshalb brachte man ihn nach Boston. „Wir fühlten uns sehr verloren, vielleicht taten wir nicht das, was in diesem Moment das Beste für ihn gewesen wäre“, fährt Susi fort. Eines der Hauptziele von APNEEF ist deshalb, ein System zu etablieren, das Familien informiert und unterstützt, damit sie die Probleme ihres Kindes abwägen können und wissen, welche Möglichkeiten ihnen offen stehen. Besonders möchte man Familien mit geringem Einkommen helfen.

 
„Sich mit anderen Müttern zu treffen, die in der gleichen Situation sind, hilft auf psychologischer Ebene enorm“, erklärt Susi. Man dürfe jedoch keine Limits setzen, jeder Mensch reagiere anders. Die Organisation nehme diese Seite sehr ernst, eigentlich ebenso ernst wie die der Kinder. Denn man benötige einige Zeit, um zu begreifen, dass man kein gesundes, sondern „ein etwas anderes Kind“ bekommen habe. Man durchlaufe die Trauerphase des Akzeptierens. Es gebe Eltern, die innerhalb eines Monats wieder durchstarten würden, andere hingegen nicht. Und das hätte natürlich auch einen Einfluss auf die Kinder. In den vergangenen Jahrzehnten entstanden in vielen Städten Organisationen wie APNEEF. Sie konnten nicht nur den Betroffenen helfen, sondern auch mit eingefahrenen Denkmustern aufräumen, wie beispielsweise der Annahme, dass ein Familienmitglied mit Handicap ein Unglück ist oder ein unüberwindbares Hindernis darstellt.

 
APNEEF konnte auf Ibiza und Formentera schon hunderten Kindern jeden Alters helfen, von Säuglingen bis hin zu 18-Jährigen oder sogar Erwachsenen. Heute zählt die Organisation auf ein breites und solides Hilfsnetz, viele Privatpersonen und Unternehmen leisten ihren Beitrag. „Wir möchten allen unseren Dank aussprechen, denn ohne sie wäre unsere Arbeit nicht möglich, wir könnten das Leben der Kinder nicht verbessern“, sagt Susi. Aufgrund der breiten Unterstützung sei man dort angekommen, wo man jetzt stehe. Und es gehe immer weiter, denn täglich würden neue Kinder hinzukommen. Und auch die älteren würden bleiben, informiert die Präsidentin.
 
Nicht nur finanzielle Hilfen erreichen die Organisation, es gibt auch unterschiedliche Sachspenden. So wurde beispielsweise das gesamte sanitäre Mobiliar des Zentrums gestiftet. Es seien gebrauchte Geräte, aber das spiele keine Rolle, es sei eine geniale Spende gewesen. Auch die Installation der Alarmanlage oder die Malerarbeiten seien auf altruistischem Wege erledigt worden, selbst bei der juristischen Beratung könne man auf Sonderpreise zählen. Jeder könne mit APNEEF kollaborieren, eben mit dem, was er am besten beherrsche.

 
Der Inselrat und die Balearenregierung finanzieren einen Teil der Gesundheitsgrundversorgung, die in den Krankenhäusern meist nicht durchgeführt werden kann. Aber APNEEF engagiert sich noch in vielen anderen Projekten. An Wochenenden werden alternative Therapien angeboten, wie die Wasser- oder die Pferdetherapie, die diverse Leiden lindern können. Zweimal im Jahr stehen Spaß und Abschalten auf dem Programm, dann verbringen Betreuer und Kinder ein Wochenende in einem Hotel, um den Eltern eine Auszeit zu ermöglichen. Und auch sonst gibt es viele Events: Ausflüge, Workshops, Sportveranstaltungen oder Kochwettbewerbe, die das Gesamtkonzept vervollständigen, das man für die Kinder ausgearbeitet hat.

 
Dabei hat APNEEF ein Ziel vor Augen: Die Aktivitäten sollen preiswert sein, um von öffentlichen Subventionen so unabhängig wie möglich zu bleiben. Denn öffentliche Gelder fließen nicht immer rechtzeitig. „Wenn Wahlen anstehen, dann haben Politiker immer ein offenes Ohr, aber später mangelt es ihnen an Zeit“, erklärt Carmen. Derzeit hoffen die Mitglieder der Organisation darauf, dass man ihnen ein leerstehendes Gebäude beim staatlichen Krankenhaus Can Misses überschreibt. „Die Räume wären ideal für uns, zwar gibt es noch viel zu tun, aber es wäre ideal, wenn wir keine Miete und keinen Strom mehr zahlen müssten“, unterstreicht Carmen.
 
Die Basisversorgung wird an den Wochentagen angeboten, vormittags im APNEEF-Zentrum in Ibiza-Stadt und nachmittags in unterschiedlichen Schulen. Das Zentrum ist mit allen nötigen Geräten ausgestattet, aber vor allem das hingebungsvolle Engagement des Teams beeindruckt. Davon konnte sich Ibicasa selbst überzeugen. Es gibt Psychologen, Pädagogen, Physiotherapeuten, Logopäden, Experten für Psychomotorik, Freizeitbetreuer, Sachbearbeiter – und natürlich freiwillige Helfer. Bei APNEEF kümmert man sich sogar um die Fortbildung der Praktikanten und Freiwilligen, die bei der Organisation jederzeit herzlich willkommen sind. Man benötigt nicht nur Hilfskräfte aus dem Gesundheitswesen, alle Berufssparten können ihren Beitrag leisten. Wie beispielsweise Informatiker, Übersetzer, Geschäftsleute, Klempner, Kunsthandwerker oder Köche.

 
APNEEF ist ein Projekt, das auf Kooperation und Liebe basiert und von einer kleinen Gruppe Menschen initiiert wurde, denen es gelungen ist, eine Organisation aufzubauen, die auf gewisse Art und Weise für uns alle etwas Gutes tut. Denn wir sind alle verletzlich und jeder von uns kann in eine Notsituation geraten, der man nicht gewachsen ist und in der man Betreuung und eine spezielle Behandlung benötigt. Dass dies durch APNEEF möglich wurde, ist ein großer gesellschaftlicher Fortschritt. „Wir lehnen kein Kind ab, wir setzen es auf die Warteliste und suchen nach Freiräumen“, versichert Carmen. Denn Stagnation kommt bei APNEEF nicht in Frage. „Wir tun viel für unsere Organisation. Wir beschränken uns nicht wie andere darauf, auf öffentliche Subventionen zu warten. Events zu organisieren, macht viel Arbeit. Und es gibt noch viel mehr zu tun.“, verrät Carmen.
 
Die Organisation hat die Erfahrung gemacht, dass es für neue Projekte in der Regel keine offizielle Unterstützung gibt. Wenn man etwas benötige, müsse die Organisation selbst aktiv werden. Sobald ein Projekt am Laufen sei, wären auch die Institutionen bereit zu helfen. Erst dann könne man Verträge schließen, weiß Carmen. Deshalb ist APNEEF immer auf der Suche nach neuen eigenen Einnahmequellen und Hilfen. „Es kommen immer mehr Kinder, und diejenigen, die bereits da sind, werden älter als zwanzig Jahre und benötigen weiterhin unsere Hilfe und Unterstützung“, erklärt Susi. Die Organisation könne sich ihrer Verantwortung nicht entziehen, sie müsse für jedes ihrer Kinder da sein. Selbst wenn es erwachsen wird. Deshalb hat sich APNEEF ein großes Ziel gesetzt: Sie will erreichen, dass sich die Institutionen um die Basisversorgung kümmern, dann nämlich kann sich die Organisation in der Zukunft mit aller Kraft um neue Projekte kümmern. Wenn die elementaren Bedürfnisse abgedeckt wären, könnten wir uns um den Rest kümmern, versichert Carmen. Wie um Aktivitäten, Personalverstärkung oder die Entwicklung neuer Systeme des zivilen Zusammenlebens. Nur so könne man eine größere Unabhängigkeit gewinnen. All das sind kleine Schritte, die den behinderten Kindern oder Erwachsenen ein besseres Leben ermöglichen und sie mehr integrieren. Denn durch ihre Besonderheit sind sie ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft. •