AUSGABE: Juni - August 2015

Hommage an Ibiza

Text: Cat Weisweiller

„Chiefs, Queens, Witches and a Girl from San Juan“ heißt ein Fotobuch der Inselresidentin Ines Schramm. IbiCASA hatte das Vergnügen, mit der bekannten Fotografin über ihr beliebtes Werk zu sprechen.
 
Ines stammt ursprünglich aus Münster, später lebte sie in Hamburg und München. Als Enkelin einer Fotografin und Tochter eines Architekten wuchs sie in einem kreativen familiären Ambiente auf. Schon früh tauchte sie in die Welt der Fotografie ein, 1979 begann sie eine intensive, dreijährige Lehre bei Hans Eick, einem renommierten Meister der Fotografie. 
 
Nach einer kurzen, zweijährigen Liebesaffäre mit Ibiza in den frühen 1980ern kehrte sie nach Deutschland zurück, um sich ihrer Karriere zu widmen. Von nun an reiste sie durch die Welt, machte Fotoreportagen für bekannte deutsche Publikationen wie Wiener, Zeit-Magazin, Stern und SZ-Magazin. Ab 1992 legte sie eine kreative Schaffenspause ein, um sich vollkommen auf die Erziehung ihrer beiden Kinder zu konzentrieren. 
 
Aber schon im Jahr 2000 kehrte Ines zur Fotografie zurück. Um dem manchmal etwas isolierten Fotografenleben zu entkommen, tat sie sich mit einer Freundin zusammen, der Makeup-Artistin Katharina Michel. Gemeinsam starteten sie das Projekt „Photokinder“, als Aufgabengebiet hatten sich die beiden Frauen das Fotografieren von Kindermodels auserkoren. Ihre Firma hatte Erfolg, sie erhielten Aufträge von zahlreichen Redaktionen und Werbeagenturen. Unter anderem fotografierten sie für eine große Werbekampagne der Spielzeugfirma Lego und kollaborierten mit dem Magazin Eltern.
 
2008 zog es Ines wieder nach Ibiza, gemeinsam mit ihrem Ehemann Niko und ihren beiden Kindern ließ sie sich auf der Insel nieder. Sofort wurde sie von diesem Gefühl der Freiheit in den Bann gezogen, das Ibiza zu bieten hatte. Sie mochte diesen Lebensstil, der sich so sehr von der kommerziellen, fast erdrückenden Arbeitswelt unterschied, die sie in Deutschland erlebt hatte. Es war diese besondere Freiheit und ihre Liebe zu Ibiza, die sie dazu inspirierten, die Insel mit ihrer Kamera intensiv zu erforschen und besondere Momente und Motive festzuhalten. Dass dieser kreative Schaffensfluss später in einer umfangreichen, fotografischen Publikation enden würde, ahnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
 

 
Das Buch, das im Kerber-Verlag in Spanisch, Deutsch und Englisch erschien, ist aufgeteilt in sieben Kapitel mit kurzen Texten und ausdrucksstarken Bildern. Ines lag viel daran, ein Buch zu gestalten, das den Betrachter mit einbezieht und ihm Raum für die persönliche Interpretation lässt. Das erste Kapitel heißt „Cala Nova“, es zeigt Urlauber aus der ganzen Welt. Kapitel zwei, eines meiner Favoriten, beschäftigt sich mit dem Thema Wäsche. Ja, Sie haben richtig gelesen! Keine dieser Aufnahmen wurde gestellt oder arrangiert, trotzdem erzählen die Fotos in wirklich kunstvoller Weise Geschichten über die Besitzer dieser bescheidenen, an Wäscheleinen hängenden Kleidungsstücke. Das alte Sprichwort „Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte“ hat in diesem Kapitel höchsten Wahrheitsgehalt.
 
Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit einem eher kontroversen Thema, an dem man jedoch nicht vorbeikommt, will man die wahre Essenz der Insel einfangen: „Matanza“. Für einige Betrachter mag es unangenehm sein, dem rituellen Schlachten eines Schweins visuell beizuwohnen, aber die Matanza, das jährliche Schlachtfest, gehört unwiderlegbar zur traditionellen Inselkultur. Kapitel vier erzählt eine angenehmere Geschichte über das „Casa de Luz“, das Haus des Lichts. Hier geht es um einen englischen Lord, der sein Haus auf dem Land Heimatlosen und Streunenden (vor allem Hippies) überließ, die einen Zufluchtsort benötigten. Drei Jahrzehnte konnten sich die Aussteiger an diesem, auf einem Hügel gelegenen Ort kreativ verwirklichen, bis der Besitzer vor einigen Jahren nach Ibiza zurückkam und sein Haus auf bescheidene Art wieder für sich selbst beanspruchte. Der Name „Haus des Lichts“ wurde von den Einheimischen geprägt, die immer den mit Kerzen beleuchteten Pfad beobachtet hatten, der zum Haus und den ausgelassenen Festen führte, die dort veranstaltet wurden.
 

 
Für das fünfte Kapitel „Chiefs and Queens“ lichtete Ines Schramm diese bunte Gruppe ausländischer Inselresidenten ab, die Ibiza seit langem mit ihrer Musik, Kreativität und ihrem alternativen Lebensstil bereichern. Im sechsten Kapitel „The Forgotten“ dreht sich alles um ibizenkische Häuser, Interieurs und Landschaften. Einfache, ausdrucksstarke, manchmal amüsante Fotos, die zu einem sehr emotionalen Schlusskapitel überleiten: Margalida. Hier hat Ines das wahre Herz der Insel meisterlich eingefangen und selbst die Veteranen unter den ausländischen Residenten daran erinnert, dass ein Hauch des traditionellen, bäuerlichen Ibizas auch heute noch existiert. In diesem Kapitel offenbaren alte Insulanerinnen mit wunderbar runzeligen Gesichtern ihr erstaunlich karges und rudimentäres Zuhause, um unter Beweis zu stellen, dass ihre bescheidene Lebensart noch nicht der Vergangenheit angehört. Wirklich rührende und herzerwärmende Aufnahmen. Die Schönheit dieser Fotos liegt vor allem darin, dass diese „Inselperlen“, wie Ines in ihrem Buch betont, sich freiwillig für dieses simple und karge Leben entschieden haben, obwohl sie oftmals riesige, heute fast unbezahlbare Ländereien besitzen.
 
Das Buch, das vom Künstler und Inselresidenten Joel Rice gelayoutet wurde, macht klar, dass Ines Schramm die Vision vieler Journalisten, Filmemacher, Fotografen und Künstler teilt, die es sich zum Ziel gesetzt haben, in ihren Arbeiten die Seele der Insel einzufangen und dazu beizutragen, dieses verzerrte Image der Insel zu korrigieren, das oft nur auf Luxus, Party und Drogen reduziert wird. Ines hat mit ihrem Buch einen wichtigen Beitrag geleistet. Kein Wunder, dass sowohl Insulaner als auch lokale Medien die Fotografin bereits dafür lobten, dass sie Ibiza in einem erfrischenden authentischen Licht dargestellt und dem wahren Geist der einheimischen Mentalität Respekt und Anerkennung gezollt hat. Damit hat sie vielen ausländischen Residenten, deren Stimme bisher nicht immer gehört wurde, aus dem Herzen gesprochen. •