AUSGABE: Dezember - Februar 2015

Ohne Liebe kann man nicht malen

Helena Sánchez




Miguel Ángel García wurde nicht auf Ibiza, sondern auf Mallorca geboren. Aber schon als Baby brachten seine Eltern ihn auf die Insel, deshalb fühlt er sich als echter Ibizenko. Als Kind sammelte er Briefmarken und Münzen, aber am meisten gefiel es ihm, mit dem Lippenstift oder dem Kajal seiner Mutter zu zeichnen, oder mit ihren Knöpfen – sie war Schneiderin – seine ersten Collagen herzustellen.

Miguel Ángel wuchs in einer Familie auf, in der auch Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen Künstler waren, da überrascht es nicht, dass er immer zeichnete und malte. Sie alle lobten sein Talent, aber dabei blieb es auch. Bis der damals 23-Jährige seine Liebe, seinen Engel, seine Muse kennenlernte: Josefina. Sie motivierte ihn, sich ganz der Malerei zu widmen und Kurse zu geben. Seitdem weiht er bei Gemeinde-Workshops Erwachsene jeden Alters in seine Techniken der figurativen Malerei ein. Mit großem Erfolg. Und er präsentierte seine Arbeiten in Einzel- und Kollektivausstellungen auf Ibiza, Mallorca, in Ciudad Real, Barcelona, Madrid oder Shanghai. Gerade vor kurzem war er Finalist in einem anerkannten Kunstwettbewerb, dem Florence Shanghai Prize.

Wenn man Miguel Ángel fragt, warum er kein Kunststudium absolviert hat, erzählt er folgende Geschichte: „Es gab einmal einen Mann, der in einem Bordell Türgriffe, Kurbeln und andere Geräte reparierte. Eines Tages sagten ihm seine Chefs, er müsse ab sofort auch die Namen der Kunden notieren, die das Lokal besuchen. Das könne er nicht tun, antwortete er ihnen, denn er könne weder lesen noch schreiben. Deshalb entließen sie den armen Mann. Um weiterhin seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, begann dieser nun Türen und Scharniere zu reparieren und Werkzeuge an die Dorfbewohner zu verleihen. Durch seine Hingabe und seine gute Handwerksarbeit gewann er mit der Zeit das Vertrauen aller, und sein kleines Geschäft verwandelte sich in ein Imperium. Sogar der Bürgermeister und alle Nachbarn lobten ihn und waren stolz auf ihn.”





Diese Geschichte mag weit hergeholt erscheinen, aber sie steht für diesen autodidaktischen Maler, der wie in einer Fabel seinen eigenen Weg geht. Um so die Anerkennung für seine Arbeit, seine Hingabe und sein Können zu gewinnen.

Miguel Ángel steht immer früh auf, und nach einem guten Frühstück beginnt er mit seiner Arbeit. Während er auf seiner Palette die Ölfarben mischt, um alle möglichen Farbnuancen zu kreieren und diese dann Schicht für Schicht auf eine Leinwand aufzutragen, trocknet nebenan ein anderes halbfertiges Bild, bereit, vollendet zu werden. Immer malt er von innen nach außen, genauso wie es die alten Künstler wie Caravaggio taten. Ohne dass er es bemerkt, vergeht so der Vormittag. „Ich müsste mehrere Leben haben, um all das umzusetzen, was in meinem Geist schlummert”, verrät er. Große Reisen muss er nicht unternehmen, um sich zu inspirieren. Manchmal dreht er eine Runde auf dem Rad, um mit seiner Kamera einige Schnappschüsse zu machen. Von Inselmotiven in besonderem Licht, die er später auf seine Leinwände überträgt. Wie beispielsweise friedliche Landschaften oder architektonische Elemente, die der Zeit trotzten. Um diese Zeitlosigkeit auszudrücken, malt er Ölbilder statt Aquarelle, obwohl auch diese Technik ihm sehr gefällt. „Es gibt hier ein außergewöhnliches Licht für die Malerei, aber Papier hält sich in diesem Klima nicht”, erklärt er.

Moderne Stile sind ihm fremd, deshalb malt er meistens figurativ, und sollte er von dieser Prämisse einmal abweichen und andere Elemente in seine Malerei einfließen lassen, verrät er nicht warum. Für ihn ist dies eine persönliche Angelegenheit, über die er nicht sprechen möchte, was auch seinem eher schüchternen und reservierten Charakter entspricht. Aber seine Arbeiten haben zweifelsohne etwas Unbeschreibliches, sie strahlen diese spezielle Sensibilität aus, mit der er geboren wurde. Und dieser Sensibilität verleiht er in seinen Werken Ausdruck und macht sie dem Betrachter zugänglich. Interessierte können ihn kontaktieren, sein Atelier besuchen, Werke kaufen oder sogar in Auftrag geben.