AUSGABE: Oktober - Dezember 2014

Bamboo: Die Insel beleuchten

Text: Cat Weisweiller
Auf Ibiza gibt es viele illustre Persönlichkeiten. Bamboo gehört dazu, und er ist einer derjenigen, der die eine oder andere spannende Geschichte zu erzählen hat. Als visueller Künstler ist er auf der ganzen Insel bekannt, seit Jahrzehnten begeistert er die Party-Szene mit seinen Lichtprojektionen und unverwechselbaren visuellen Effekten. IbiCASA sprach mit ihm über sein außergewöhnliches Leben.
 
Bamboo wurde 1949 in Heidelberg geboren. Als 15-Jähriger startete er zu einer ersten Entdeckungsreise, einer Tramptour nach Dänemark. „Make love not War” war die Devise dieser Epoche, und dieses Motto setzte er auf seiner Reise als Straßenmaler erfolgreich um. Nach seiner Rückkehr schlich sich langsam die Fotografie in sein Leben. Weil er gerne bei einem Autorennen dabei sein wollte, beantragte er einen Presseausweis als Fotograf. Mit einer, wie er selbst zugibt, lächerlichen und einfachen Kamera nahm er an dem Event teil. Und obwohl er sich ziemlich eingeschüchtert fühlte durch all die professionellen Fotografen, die mit fünf Superkameras pro Kopf unterwegs waren, entschieden sich die angesagten Verlage letztendlich für seine Fotos. Niemals hätte er sich vorstellen können, dass dieses Ereignis dafür sorgen würde, dass er die nächsten 13 Jahre als Formel 1-Fotograf zum Einsatz kam.
 
„Ich wusste immer, dass ich nicht in einem Büro enden und vom Wecker dominiert werden wollte”, erzählt Bamboo. Und die freie Fotografie – ohne Orts- und Zeitzwänge – versprach ihm die Freiheit, nach der er sich sehnte. Als 18-Jähriger zog es ihn 1968 nach New York. Seinen zweimonatigen Aufenthalt finanzierte er sich als Straßenkünstler. Und es stellte sich heraus, dass dies eine erstaunlich lukrative Tätigkeit war. Seine Leidenschaft für die experimentelle und beobachtende Fotografie vertiefte sich.
 

 
Es folgte eine fünfmonatige Reise durch Afrika und Indien. Zweifelsohne eine Herausforderung für einen jungen Mann in seinem Alter, vor allem wenn man bedenkt, dass Reisen durch die Welt noch nicht im Trend waren und man kaum Bildmaterial oder Informationen über seine Reiseziele finden konnte. Trotzdem setzte er seinen Weg mit kleiner Reisekasse, mutig fort. Unterwegs fand er viele Freunde, die sich wie er für die progressiven Klänge der Band Deep Purple begeisterten, diese spielte er auf seinem – für diese Epoche direkt avantgardistischen Kassettenrecorder – ab. „Ich schwelgte in einem sinnlichen Meer neuer Sehenswürdigkeiten, Sounds und Erfahrungen”, verrät Bamboo.
 
Seine Freude daran, fremde Menschen und Orte kennenzulernen, gipfelte später in einer zweijährigen Reportagereise. Es war eine Erfahrung der härteren Art, die ihm auch Einblicke in die Schattenwelt der kriminellen Szene bescherte. Er lernte die Abgründe des menschlichen Seins kennen, er traf Heiratsschwindler, Mörder und Betrüger. Und obwohl Bamboo in dieser Zeit trotz seiner Jugend schon weit gereist war, öffnete ihm diese Phase seines Lebens die Augen. „Ich war damals noch ziemlich naiv”, erinnert er sich, „ich wurde brutal in die Realität gestoßen. Fast so, als wäre die bis dahin unbeschriebene Festplatte meines Geistes mit neuen, surrealen, sensationellen und manchmal alarmierenden Informationen geflutet worden.“ Aber dieses mutige Eintauchen in eine fremde Welt brachte Fotos hervor, die von führenden investigativen Medienverlagen geschätzt wurden, wie beispielsweise Geo, Stern, Spiegel, Paris Match, Sun, Ele Ela, um nur einige zu nennen.
 
Mit Mitte Zwanzig zog es Bamboo nach Rio, wo er den weltbekannten britischen Posträuber Ronnie Biggs finden wollte. Überflüssig zu sagen, dass der hartnäckige Bamboo sein anspruchsvolles Ziel erreichte und ihn tatsächlich aufspürte. Es entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen Ronnie und Bamboo, und dieser entwickelte eine seiner wichtigsten Prinzipien: Niemals für eine Titelstory gewisse menschliche Grenzen überschreiten. Und so blieben ihre aberwitzigen, hedonistischen Treffen sicher in Bamboos Erinnerung verankert, ohne dass sie zu reißerischen Titelgeschichten geführt hätten. Obwohl sie sicher das Zeug dazu hatten. Stattdessen konzentrierte sich sein kreatives Schaffen darauf, Ronnie zuhause zu fotografieren, gemeinsam mit den Sex Pistols. Und man räumte ihm das Exklusivrecht ein, in Rio Standfotos bei den Dreharbeiten des Films „The Great Rock ‘n’ Roll Swindle“ zu schießen.
 

 
1980, Bamboo war Anfang Dreißig, verschlug es ihn zufällig nach Ibiza. Nach seinen jahrelangen Reisen durch die Welt verspürte er das Bedürfnis, sich irgendwo niederzulassen. Nie zuvor hatte er von Formentera gehört, und diese wenig bekannte Mittelmeerinsel übte plötzlich eine starke Anziehungskraft auf ihn aus. Er landete auf Ibiza, kaufte sich ein Bootsticket nach Formentera und beauftragte dort eine Immobilienmaklerin, ihm ein Haus zur ganzjährigen Miete zu suchen. Doch trotz intensiver Suche fand sich nichts. Deshalb flog er nach Palma, von dort aus wollte er nach Deutschland zurückkehren. Doch seine Weiterreise wurde gestoppt, als man ihm mitteilte, dass es auf Ibiza ein Haus gab, das er mieten könne. Er folgte seinem Instinkt und nahm den nächsten Flug zurück. Und als er das 200 Jahre alte Bauernhaus in den Bergen von Sant Joan zum ersten Mal sah, war es um ihn geschehen. „Es war Liebe auf den ersten Blick”, erinnert sich Bamboo.
 
Dieser Moment sollte sein Leben einschneidend verändern. Bamboo begann ein einfaches Leben, im Einklang mit der Natur und spirituellen Erfahrungen. Zudem traf er viele Menschen wieder, die er vorher auf Bali oder in Indien kennengelernt hatte. Seinen Lebensunterhalt finanzierte er durch den Verkauf seiner Fotos, welche mittlerweile weltweit über Agenturen verkauft wurden. Bamboo widmete sich nun wieder der Malerei. „Wir hatten keine Telefone, keinen Strom, keine Ablenkungen. Es war so, als wäre man trotz seiner Jugend schon in Rente gegangen”, lacht er. In dieser Zeit begeisterte er sich auch für die japanische Sumi-e-Kunst. Diese Leidenschaft wurde durch einen 89-jährigen Sumi-e-Meister gestärkt, dieser hatte Bamboos Arbeiten gesehen und ihn für vier Monate nach Japan eingeladen, um sein Handwerk zu perfektionieren.
 
Kurz darauf wurden Bamboos Frührentnerpläne von der aufkeimenden Vollmond-Partyszene in Sant Joan durchkreuzt. Diese legendären Partys wurden in freier Natur gefeiert und gewannen schnell an Popularität. Die Partys gefielen Bamboo, nur über die karge Dekoration beklagte er sich immer wieder. Bis er plötzlich realisierte, dass sein Gemecker nicht weiterhalf. Denn schließlich war er es, der die besten Voraussetzungen mitbrachte, um die Situation zu ändern. Und so entwickelte er diese visuellen Projektionen, die zu seinem Markenzeichen werden sollten. Samt Totempfählen und Skulpturen aus Pappmachee.
 
Mitte der 1990er schob die Polizei diesen ausgelassenen Partys den Riegel vor. Aber Bamboo hatte sich mit seiner meisterlichen Projektionskunst längst einen Namen gemacht, sein Ruf eilte ihm voraus. Bald wurde er für den international bekannten deutschen „Mayday Rave“ engagiert. Bamboos Projektionen basieren vor allem auf Scharz-Weiß-Bildern, die durch digitale Bearbeitung zu kreativen und farbenprächtigen Kompositionen werden. Oft integriert er esoterische Abbildungen.
 
Es würde zu lange dauern, alle Stationen seiner Clubkarriere aufzuzählen, aber Bamboos Lichtprojektionen sorgten nicht nur auf der Insel, sondern auch auf dem spanischen Festland, in Europa und sogar jenseits des Atlantiks sowie in Asien für Furore. Seine einzigartige visuelle Kunst begeisterte die Partyszene im Amnesia, Ku, Pacha, Privilege oder El Divino, zehn Jahre lang verlieh er dem „Time Warp Techno Rave“ in Deutschland den besonderen Touch. Außerdem war Bamboo sieben Jahre lang im Namaste Veranstalterteam, und kollaborierte mit DJs wie Sven Väth oder bekannten Partypromotern wie Manumission. Seit 1999 konnte man seine Projektionen auch bei lokalen Dorffesten in Sant Joan und Sant Josep sowie auf Formentera’s Flower Power Festen bewundern. Zudem waren seine Fotografien und Sumi-e-Werke im Bambuddha Grove, im Nagai and bei der Ruta del Arte zu sehen.
 

 
Seit etwa vier oder fünf Jahren konzentriert sich Bamboo vor allem auf die private Partyszene und auf kleinere Events, die an Plätzen wie dem Atzaró organisiert werden. Dort kreiert er beeindruckende audio-visuelle Erlebniswelten, bei denen er gerne andere Expertenfreunde mit einbezieht. Und seit sieben Jahren beschäftigt er sich auch wieder ernsthafter mit seiner Fotografie, seine Motive findet er im Nachtleben der Insel und bei seinen Winterreisen um die Welt. Sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen, kommt für Bamboo nicht infrage, nach wie vor veredelt er (mit seinem Team aus Künstlern der Insel) exklusive Privatpartys, Hochzeiten oder Dorffeste mit seiner Projektionskunst. Und auch seine Sumi-e-Malerei ist wichtiger Teil seines Lebens. Ganz nebenbei schreibt er übrigens an seiner Biografie und arbeitet an der Vervollständigung seines Fotobuchs Ibiza-Bangkok Route 69. •
+ info: www.bambooo.de