AUSGABE: Juni - August 2014

Rohkost

Text: Helen Howard



Würde man Ihnen eine Schale reifer, saftiger Erdbeeren anbieten, würden Sie dann die Nase rümpfen und sagen: „Nein danke, ich esse keine rohen Lebensmittel?“ Wahrscheinlich nicht… Aber zweifelsohne würden die meisten von uns beunruhigt sein, wenn man uns eine Ernährungsweise empfehlen würde, die ausschließlich auf rohen Speisen basiert.

In der Regel ernähren sich Rohköstler zu 70-100 % mit Nahrungsmitteln, die nicht gekocht sind – und das tun sie meist mit viel Enthusiasmus. Sich für eine Rohkost-Diät zu begeistern, bedeutet übrigens nicht, dass man endlos Karotten knabbern muss. Ganz im Gegenteil: Dieses Ernährungskonzept birgt viele kreative Überraschungen. Einige nutzen die Diät nur vorübergehend, um eine Krankheit zu überwinden, andere hingegen sind Rohköstler aus tiefster Überzeugung. Sie glauben daran, dass sie nur so ein Leben lang gesund bleiben.

Wird ein Essen auf über 115 Grad erhitzt, werden die Enzyme der Nahrungsmittel zu 100 % zerstört, Vitamine und Mineralien zu 30-50 %. Diverse Studien belegen, dass eine Rohkost-Diät den Körper entgiften und akute und chronische Beschwerden lindern kann. Sowohl bei einigen Krebserkrankungen als auch bei Diabetes hat diese Art der Ernährung bereits Erfolge gezeigt. Dr. Max Gerson zum Beispiel veröffentlichte in den 1950ern ein Buch, in dem er von über 50 Menschen berichtet, die durch eine konsequente Rohkost-Diät von „unheilbaren“ Krebserkrankungen genesen sind. Ihre Diät bestand ausschließlich aus rohen Nahrungsmitteln, vor allem aus frischen Gemüsesäften. Unterstützt wurde die Therapie von anderen Entgiftungstechniken (www.gerson.org). Auch in etlichen anderen Kliniken überall auf der Welt wird die Rohkost und Safttherapie als Heilmethode ernst genommen.





Zu Beginn einer Rohkost-Diät wird man sich erst einmal schlechter fühlen, da die Zellen sich vieler abgelagerter Gifte entledigen müssen. Deshalb ist es empfehlenswert, die Umstellung auf Rohkost langsam vorzunehmen. So kann sich auch das gesamte Verdauungssystem an die neue Nahrung gewöhnen.

Gewöhnt an unseren modernen Lebensstil, haben wir längst vergessen, dass der Mensch sich über einen langen Zeitraum seiner Evolution ausschließlich von roher Kost ernährte. Begeisterte Rohköstler propagieren deshalb, dass all unsere Körperfunktionen auf Rohkost angelegt sind – und dass Gekochtes die Quelle vieler Zivilisationskrankheiten ist. Auch in der konventionellen Medizin ist bekannt, dass durch das Kochen unserer Nahrung viele gefährliche Substanzen freigesetzt werden: Beim Erhitzen von Ölen können einige Karzinogene wie Acrylaldehyd, Nitrosamin, Kohlenwasserstoff und Benzopyren entstehen. Und auch beim Toasten, Grillen und Backen stärkehaltiger Nahrungsmittel können sich karzinogene Acrylamide entwickeln. Obwohl viele Biologen glauben, dass unser Körper in der tausendjährigen Geschichte des Kochens gelernt hat, diese Gifte zu neutralisieren, liegt die Wahrheit wahrscheinlich irgendwo in der Mitte – manche Menschen können sich besser anpassen als andere. Einige bleiben gesund, andere werden krank. Und abgesehen davon: Keine Krankheiten zu haben, bedeutet nicht zwangsläufig, voller Energie zu sein. 

Studien in unterschiedlichen Volksgruppen belegen, dass die stark proteinhaltige Nahrung, die in Industriestaaten als „normal“ empfunden wird, tatsächlich für einen Calciumverlust und andere degenerative Beschwerden verantwortlich ist. Viele der langlebigsten und besonders gesunden Gesellschaften in der Welt ernähren sich von Lebensmitteln, die nur einen geringen Proteingehalt haben, und sie essen nur wenige oder gar keine tierischen Produkte. Bei fast allen Rohkost-Diäten wird von beidem wenig gegessen.




 
Weniger gekochte Speisen zu essen, bringt eindeutig viele Vorteile. Wer mehr Rohkost isst, reduziert nicht nur Kalorien, sondern auch gesättigte Fettsäuren, künstliche Nahrungsmittelzusätze und Cholesterin. Gleichzeitig nimmt er mehr Vitamine, Mineralien und Antioxidanten zu sich. •