AUSGABE: Juni - August 2013

IBIZA und andere Abenteuer

Von Cat Weisweiller
Dies ist die Geschichte einer wahrhaften Insellegende: Rick Kips. Er ist ein Mensch mit ausgesprochenem Erzähltalent, man wird sofort in den Bann seiner Geschichten gezogen. Und so überrascht es nicht, dass seine Autobiographie IBIZA en andere avonturen (IBIZA und andere Abenteuer) zum Bestseller wurde. Obwohl sein Buch bisher nur auf Holländisch erschienen ist, möchten wir einige Episoden seines außergewöhnlichen Lebens mit Ihnen teilen.

Rick stammt aus der bekannten holländischen Familie Kips, die ihr Geld mit der Fleischverpackung verdiente. 1957 lernte er als 6-jähriger Knirps Ibiza kennen, und in seinem Buch beschreibt er das Inselleben der 1950er in besonders lebendiger Art und Weise. Alles begann mit einem Urlaub, den er mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder auf Mallorca verbringen wollte. Sie kamen gut in Palma an, aber dann informierte man sie darüber, dass ihr Reiseveranstalter Pleite gemacht hatte und sie nicht wieder nach Hause befördern konnte. Ihnen wurde ein Flug mit einem WW2 Bristol Blenheim Bomber zur nächsten Insel, Ibiza, angeboten – und sie akzeptierten.

Die Familie landete auf einer schmalen, sandigen Behelfsrollbahn. Kaum vorstellbar, dass sich aus diesem bescheidenen Stück Land einmal der Flughafen Ibiza entwickeln würde, der jährlich von bis zu 4 Millionen Passagieren frequentiert wird. Auch Schnellstraßen gab es zu dieser Zeit noch nicht, so dauerte die Fahrt in die Stadt drei zermürbende Stunden. Der Vara de Rey war noch ein sandiger Platz, und Rick erinnert sich daran, dass vor dem Montesol Esel standen, die man für den Eistransport nutzte. Und er fragte sich damals, wie überhaupt irgendein Eiswürfel an seinen Bestimmungsort gelangen konnte, ohne vorher geschmolzen zu sein. Sie mieteten sich im Hotel Montesol ein, das sich in dieser Zeit weniger mit dem Gastgewerbe als mit der Herstellung und dem Vertrieb von Eis beschäftigte. Um Mitternacht wurde immer der Strom abgestellt, den Rest der Nacht musste man mit Öllampen und Kerzen zurechtkommen. Schon nach kurzer Zeit hatte Ricks geschäftstüchtiger Vater genug von dieser Situation und machte sich daran, für seine Familie eine komfortablere Unterkunft zu suchen.

Kurz darauf hatte er eine im Hafen ankernde Yacht ins Auge gefasst und ins Herz geschlossen, das beeindruckende Schiff war jedoch schon belegt. Von niemand geringerem als Errol Flynn, der später ein enger Freund der Familie werden sollte. Irgendwann saß die ganze Familie auf der Treppe eines Gebäudes, sie muss einen so bedrückten und verzweifelten Eindruck gemacht haben, dass sie die Aufmerksamkeit eines Passanten erregte: Dr. Alfredo Roig. Zwar sprachen sie kein Wort Spanisch, aber irgendwie gelang es ihnen, ihm ihre Wünsche verständlich zu machen. Dr. Roig war zu dieser Zeit nicht nur der einzige Arzt der Insel, er hatte auch einen hohen sozialen und politischen Einfluss. Spontan entschied er sich, ihnen zu helfen und ihnen die einflussreichsten Persönlichkeiten der Insel vorzustellen. Zu ihnen gehörte auch Juan Bermejo, ein Marinekommandant, der in der Franco-Epoche den höchsten politischen Rang auf Ibiza bekleidete. Zugegeben, diese zufällige Begegnung beeinflusste Rick’s weiteres Leben auf der Insel einschneidend.


Ein großes Anwesen in der Cala Carbó, das auf dem Land seines Vaters gebaut war, wurde für viele Jahre Rick’s Ibiza-Basis. Einer seiner langjähigen Nachbarn war Direktor des CIA, was ihn während seiner Jugend unglaublich faszinierte. Als Rick achtzehn Jahre alt war, starb sein Vater an Krebs, damals studierte er Zahnmedizin in Malibu. Dr. Robert van Riet, ein Freund der Familie, übernahm von nun an die Vaterrolle. Robert war der erste plastische Chirurg in Kalifornien, wodurch er viele gute Kontakte hatte. Dies sorgte dafür, dass Rick noch tiefer in die Welt der Reichen, Schönen und Berühmten eintauchen konnte. Besonders erwähnenswert war die Beziehung zu seinen Nachbarn in Palm Springs, Frank Sinatra und Barbara Marx. Rick erinnert sich noch gut an den schicksalshaften Tag, an dem sein Bruder und er zu einem Privatflug mit Sinatra’s Mutter Dolly eingeladen waren. Es sollte nach Pasadena gehen, aber sie kamen zu spät am vereinbarten Treffpunkt an. Später erfuhren sie, dass das Flugzeug abgestürzt war und alle Insassen ums Leben gekommen waren. Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass Rick immer noch dankbar ist, dass sie diesem Unglück um Haaresbreite entgingen.

Die Liste seiner berühmten Freunde ist zu lang, um alle aufzählen zu können. Aber vor allem der Papst, Liza Minnelli und Bob Hope beeinflussten sein Leben. Später lebte Rick nicht nur in Amerika, sondern auch in unzähligen europäischen Metropolen. Eine weitere wichtige Station war Argentinien, dort züchtete er Polo-Pferde und gründete gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Lord Alain Levenfiche eines der weltweit größten Weingüter.

Aber zurück zu Rick’s Leben auf Ibiza. Obwohl er in der High Society verkehrte und vielen Versuchungen ausgesetzt war, blieb er immer mit den Füßen auf dem Boden. Er war bescheiden und hatte ein großes Interesse an seiner Umwelt, wie die nächste Geschichte anschaulich unter Beweis stellt: „Kurz nachdem wir auf Ibiza angekommen waren, ärgerte ich mich sehr darüber, dass ich mich aufgrund meiner fehlenden Spanischkenntnisse nicht mit einem blinden Mann unterhalten konnte, der immer im Stadtzentrum stand, um Geld für die Blinden-Hilfsorganisation ONCE zu sammeln. Ich war ständig versucht, ihm die Sonnenbrille abzunehmen, um zu sehen, was sich dahinter verbarg. Später, als mein Spanisch besser geworden war, besuchte ich den Mann oft, um mit ihm zu plaudern.” Nach einiger Zeit erkannte der Blinde den Jungen schon am Klang seiner Schritte und begrüßte ihn immer mit dem Satz: „Hallo, da ist mein holländischer Freund ja wieder.”

Seiner jugendlichen Neugier verdankt Rick eine unglaubliche Geschichte: Denn dieser Mann war nicht immer blind gewesen, auch hatte er seinen Lebensunterhalt nicht auf der Straße verdienen müssen. Stattdessen hatte er einen angesehen Job beim Geldinstitut Banca March. Doch eines Tages war er an seinem Schreibtisch zusammengebrochen, der zu Hilfe gerufene Arzt Alfredo hatte ihn kurz darauf für tot erklärt. Weil es zu dieser Zeit noch keine Leichenkühlkammern gab, wurde sein Körper sofort mit Branntkalk bestäubt, danach trug man ihn in einem Sarg durch die Straßen, damit alle Nachbarn dem Verstorbenen den letzten Respekt zollen konnten. „Stellt euch vor, welch ein Schock es für alle war, als der Sargdeckel plötzlich aufflog und der arme Jesús (ja, so hieß er tatsächlich) zum Vorschein kam. Lebendig, aber erblindet, denn der ungelöschte Kalk hatte seine Augen verätzt”, erzählt Rick.


Auf Ibiza ist Rick als Gastronomie- und Immobilienexperte bekannt, er war Manager des Pikes und der Trabrennbahn sowie Besitzer einer Oilily Boutique. Zudem gilt er als kompetenter Unternehmer. Heute könnte man ihn aber besser als Autoren, Erfinder und Ideengeber beschreiben. Seine einzigartigen unternehmerischen Erfahrungen werden von vielen Geschäftsleuten geschätzt und genutzt, um die eigenen Marken zu etablieren. Aber alle, die das Ibiza der 1980er noch kennengelernt haben, werden sich wohl vor allem an sein bekanntes und beliebtes Telekommunikationszentrum erinnern, das er im Stadtzentrum gründete.  

In den frühen 1980ern boomte Ibizas Club-Szene bereits, doch die Verbindung zur Außenwelt war immer noch dürftig. Es gab noch keine Handys, und die Festnetzanschlüsse waren sehr teuer und deshalb selten. Rick erkannte schnell, dass die Nachfrage an modernen Kommunikationsmöglickeiten auf der Insel wachsen würde, denn immer mehr Leute kauften Häuser, außerdem wurde Ibiza bei Urlaubern und Party-Fans zunehmend beliebter. „Ich eröffnete meinen Laden in der ehemaligen Praxis unseres Freundes Alfredo am Vara de Rey, dort bot ich einen Telex- und Telefonservice an. Später zogen auch noch ein Fax und ein Geldwechsel-Schalter ein. Es war das erste Geschäft dieser Art auf der Insel”, berichtet Rick. Seinen Laden nannte er „Oficina de Servicios”. Rick war so beschäftigt mit seinen anderen Projekten auf der Insel, dass er in den ersten Wochen gar nicht bemerkte, dass keine Kunden in seinen Laden kamen. Erst als eine Mutter mit Kind in seinen Laden stürmten und verzweifelt nach der Toilette fragten, erkannte er, dass seine spanische Übersetzung für „Office Services” nicht ganz so gelungen war: Denn das spanische Wort „Servicios” bedeutet Toilette!

Trotz dieser anfänglichen Schwierigkeiten wurde Rick’s Laden schnell bekannt, das Geschäft brummte. Zehn Jahre lang kamen Menschen unterschiedlichster Charaktere und Nationalitäten. Geöffnet hatte er von 8-20 Uhr, sechs Tage pro Woche, was auch dazu beitrug, dass sich dieser Platz zu einem wirklichen Hot Spot entwickelte, zu einem sozialen Treffpunkt, an dem jeder mit Rang und Namen seine Lebensprojekte abwickelte, inklusive Nina Hagen und Ursula Andress. Rick war bekannt für seine Gastfreundschaft und seine mehrsprachige Beratung, und natürlich hütete er die Geheimnisse über große Projekte oder persönliche Krisen diverser Berühmtheiten. Gerne erinnert er sich an den Moment seines Lebens, in dem er nicht nur ein waches Auge auf die Geschehnisse hatte, sondern selbst in Aktion trat: Das war in der Zeit, als Freddie Mercury gemeinsam mit Montserrat Caballé in der Diskothek KU sein berühmtes Lied Barcelona präsentierte. Für diesen Song war der Sänger mit dem „Schlüssel der Stadt Barcelona” ausgezeichnet worden. Dieser Ehre nicht genug, schlug man vor, im Hotel Pikes den 41. Geburtstag des Sängers zu organisieren. Diese Party ging in die Geschichte der Insel ein, doch nur wenige Leute kennen das wohlgehütete Geheimnis rund um die Geburtstagstorte, die Barcelona dem Sänger zu diesem Anlass schenken wollte.

Rick, der damals Mitte dreißig war, wickelte in seinem Büro die gesamte Korrespondenz für die sehnlichst erwartete Party ab. „Es war das Ereignis des Jahrzehnts, jeder war eingeladen – außer mir. Und weil sich in meinem Büro ein ganzer Haufen Korrespondenz stapelte, der auf dringende Antwort wartete, entschied ich mich, alles direkt im Pikes abzuliefern. In der Hoffnung, eine Einladung für mich – und die elf anderen Freunde, denen ich eine versprochen hatte – zu ergattern”, verrät Rick. Niemals hätte er sich erträumt, was sich daraus entwickeln würde. Der damalige Manager des Pikes, von seinem Enthusiasmus total beeindruckt, bot ihm an, nach Barcelona zu reisen, um den Transport von Freddie’s Geburtstagstorte zu überwachen. Eine einfache Aufgabe, könnte man meinen. Aber nicht, wenn man Rick’s Erzählungen glaubt: Zwei Jahre hatte man in Barcelona an der Gestaltung der Torte in Form von Gaudis Kathedrale gefeilt, sie sollte Menschengröße haben und an ihrer breitesten Stelle bis zu 50 Meter lang sein. Die erste Etappe bestand darin, die Torte mit einem Transportflugzeug von Barcelona nach Ibiza zu befördern, alles klappte gut. Auch im Pikes kam die Torte unbeschädigt an. Problematisch wurde es erst, als jemand entschied, dass man den Standort der Torte doch noch ein wenig verbessern könnte. „Ich gab die Anweisungen für das Manöver. Hinter mir etwa hundert Leute, die die Torte akribisch an den richtigen Platz hieven wollten. Alles ging gut, bis jemand stolperte und alle anderen ihm wie Dominosteine folgten. Die gesamte Torte kippte und fiel zu Boden, das war’s …”, amüsiert sich Rick.

 
Immer schon ein schneller Denker, organisierte Rick jedoch einen Notfallplan. Unter den wachsamen Augen seines Freundes Tony Pike, begann er damit, alle erhältlichen Torten der Insel aufzukaufen. Diese wurden dann aufeinander geschichtet und mit Sahne überzogen, die man in einem Farben-Mixgerät steif geschlagen hatte. Schließlich wurde mit Kuchenglasur auf die Torte geschrieben: „Happy Birthday Freddie!” Und nun kommt der Teil der Geschichte, der bekannt ist: Freddie Mercury, der glücklicherweise nichts von dem vorausgegangenen Gaudi-Desaster wusste, sah die Torte und brach in Tränen aus, weil ihm niemand zuvor eine derart authentische und herzliche Überraschung bereitet hatte. Mit dieser inspirierenden Geschichte, die man unter dem Motto „Ende gut, alles gut” abspeichern könnte, endet auch unsere Kurzfasssung über das bemerkenswerte Leben des Inselresidenten Rick Kips. •