AUSGABE: Juni - August 2012

Integrative Medizin

Text: Cat Weisweiller






Zunehmend zeigt sich, dass es in unserer WeIt sowohl Platz für die pharmazeutische als auch für die Naturmedizin gibt. Um ein erstes Gefühl dafür zu entwickeln, wann man welche nutzt, sprach IbiCASA mit einer Freundin, die sich mit der integrativen Medizin beschäftigt: Dr. Marja van Engelen aus Sta. Eulària.
 
Was versteht man unter der integrativen Medizin?
In der integrativen Medizin werden Praktiken und Methoden der konventionellen Medizin und der Naturmedizin kombiniert.
 
Warum kombinierst Du beide Techniken?
Es gibt viele Wege, sich einer Krankheit zu nähern. Egal, um welche es sich handelt. Mit meiner orthodoxen Ausbildung kann ich die eigentliche Diagnose und das konventionelle ärztliche Denken verstehen, mit meiner integrativen Erfahrung schaue ich tiefer, forsche nach den Wurzeln des Problems. So kann ich dazu beitragen, eine effektivere, sanftere und nachhaltige Lösung für den Patienten finden.
 
Was hat Dich dazu bewegt, Dich mit der integrativen Medizin zu beschäftigen?
Nach einem abgeschlossenen Studium habe ich zwei Jahre auf einer Station für innere Medizin gearbeitet. Immer wieder sah ich Menschen, die mit chronischen Beschwerden ins Krankenhaus eingeliefert und nach einigen Wochen als scheinbar geheilt entlassen wurden. Doch viele von ihnen kamen nach etwa einem Monat mit den gleichen Beschwerden zurück. Ich hatte zunehmend das Gefühl, dass die Patienten in einer sehr teuren und sinnlosen Tretmühle steckten. Mir wurde klar, dass man niemals vollständig von seinen Beschwerden geheilt werden kann, wenn man die Ursachen einer Erkrankung ignoriert: Beispielsweise die Ernährung, der Lebensstil oder das emotionale Wohlbefinden. Seitdem habe ich mich 29 Jahre mit der integrativen Medizin beschäftigt. Vor allem habe ich mich auf orthomolekulare Therapien spezialisiert, bei denen natürliche Substanzen wie Vitamine, Mineralien, Aminosäuren oder Hormone eingesetzt werden, um die Biochemie des Körpers zu korrigieren.
 
Hast Du Patienten, die niemals konventionelle pharmazeutische Medikamente nutzen?
Ja, viele. Es ist ihre Wahl, aber bei lebensbedrohlichen Erkrankungen oder auf Wunsch des Patienten würde ich auch pharmazeutische Produkte verschreiben.
 

 
Für diejenigen, die sich nicht so gut auskennen mit der alternativen und integrativen Medizin – wann sollte jemand auf konventionelle Methoden zurückgreifen?
In lebensbedrohlichen Situationen und bei plötzlich auftretenden Erkrankungen und Notfällen, die eine schnelle diagnostische Reaktion erfordern. Wie zum Beispiel bei ernsten Verletzungen, Knochenbrüchen, schweren Kopfverletzungen, plötzlichen Beschwerden im Brustbereich oder Herzrasen, akuten Lungenproblemen wie einer Lungenentzündung, bei ernsten neurologischen Beschwerden, hohem Fieber oder allergischen Schockzuständen.
 
In welchen Fällen empfiehlt es sich die integrative oder alternative Medizin zu nutzen?
Die integrative oder alternative Medizin ist unschätzbar bei lang andauernden Beschwerden, die durch die konventionelle Medizin entweder nicht geheilt werden können, oder die ständige Einnahme von pharmazeutischen Medikamenten erforderlich machen. Wie beispielsweise bei Schlafstörungen, Stress, stressbedingten Symptomen wie Asthma, Ekzemen, Psoriasis (Schuppenflechte), chronischer Müdigkeit, Kopfschmerzen, Rücken- und Nackenschmerzen. Menschen, die jahrelang unter diesen Beschwerden litten, können sich plötzlich sehr schnell erholen, wenn man sich dem Problem von einer anderen Seite nähert.
 
Warum sind dann nicht alle Ärzte in integrativer Medizin geschult?
Die medizinischen Studien werden zum großen Teil durch die Pharmaindustrie gesponsert. Was zur Folge hat, dass diese auch den Ausbildungsplan mitdiktiert. Deshalb werden die Natur- und Kräutermedizin oder die Ernährung meist ignoriert. Während meines sechseinhalbjährigen Studiums, widmeten wir der Ernährung nur einen Tag. Das ist schockierend, bedenkt man den Stellenwert, den eine richtige Ernährung für den Menschen hat.
 
Gibt es Dinge, für die wir der konventionellen Medizin danken sollten?
Ja, die Erfindung des Penicillins war ein entscheidender Durchbruch in der Medizin, ebenso wie die Röntgen-Diagnostik oder die Kernspintomografie. Zudem verdienen einige spezielle Operationsmethoden Anerkennung, vor allem im Bereich der Neurologie. Aber die Kehrseite der Medaille ist, dass viele Ärzte aufgrund dieser Erfindungen aufgehört haben, ihren Instinkten zu vertrauen. Sie haben ihre diagnostischen Fähigkeiten verloren, was es ihnen unmöglich macht, sich einer Diagnose auf ganzheitlicher Ebene zu nähern.
 
Was hältst Du von Antibiotika?
Ich verschreibe sie nur in Ausnahmesituationen, oder wenn der Patient es ausdrücklich wünscht. Bei Virusinfektionen verschreibe ich keine Antibiotika, bei der Behandlung von ernsten bakteriellen Infektionen sind sie jedoch nützlich. Außer in lebensbedrohlichen Situationen sollten Antibiotika nur angewendet werden, wenn das spezifische Bakterium vorher durch klinische Tests identifiziert worden ist. Wenn man Antibiotika einnimmt, sollte einem klar sein, dass diese sowohl die guten als auch die schlechten Bakterien in unserem System abtöten. Nach einer solchen Behandlung ist es erforderlich, die Darmflora und -fauna durch die Einnahme von probiotischen Bakterien auszubalancieren. Eine längere Einnahme von Antibiotika kann zu ernsten Gesundheitsproblemen führen und dem Immunsystem schaden.
 

 
Warum erwähnen die konventionellen Ärzte nichts darüber?
Ja, gute Frage.
 
Mal abgesehen von den Dingen, die uns nicht erklärt werden, warum wird uns immer gesagt, dass wir die Antibiotika bis zum Schluss der Therapie einnehmen müssen?
Antibiotika attackieren die Bakterien, die eine Krankheit auslösen. Selbst wenn man sich schon nach einigen Tagen besser fühlt, gibt es noch Reste dieser Bakterien in unserem System. Wenn man die Einnahme der Antibiotika frühzeitig abbricht, haben die Bakterien die Möglichkeit zu mutieren und gegen dieses spezielle Antibiotikum resistent zu werden. Da es nur eine wenige Antibiotika für die einzelnen Infektionen gibt, wird man sehr anfällig für eine neue Infektion oder eine bakterielle Attacke, falls man, ohne es zu wissen, eine Resistenz kreiert hat, oder wenn man von einem mutierten Stamm des Bakteriums infiziert wird.
 
Ist es ein Mythos, dass die nichtpharmazeutische Behandlung länger braucht, um Wirkung zu zeigen?
Ja, es dauert keineswegs länger, wenn man die Wurzel des Problems direkt angeht. In vielen Fällen verschwinden die Beschwerden sogar schneller als bei der Behandlung mit konventionellen Medikamenten. Mit der nichtpharmazeutischen Behandlung versuchen wir die Krankheit zu heilen, wir unterdrücken nicht einfach nur die Symptome. •
 
Die Entscheidung darüber, für welche Behandlung man sich entscheidet, ist eine ganz persönliche Angelegenheit. Mit diesem Artikel wollen wir Euch ausschließlich über die integrative Medizin informieren, es liegt uns fern, Euch davon abzuhalten, bei Beschwerden Hilfe in der konventionellen Medizin zu suchen.