AUSGABE: April - Juni 2012

VOLUMINÖSE BAUTEN UNTER DER SONNE

Texto: Ingrid Montañes Benard
Es sind die Kontraste, die Ibizas
charakteristische Schönheit ausmachen.
 
In der Architektur beispielsweise konkurrieren die modernsten Häuser mit den hundertjährigen Fincas, die der „weißen Insel” ihren Namen gaben. Aber diese so unterschiedlichen Stile haben weitaus mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Die meisten Bauherren bevorzugen heutzutage die minimalistische Architektur mit ihren einfachen geometrischen Formen, den großen Räumen sowie der maximalen Nutzung des natürlichen Lichts. Wussten Sie, dass dieser so moderne architektonische Stil in vielen Bereichen der traditionellen mediterranen Architektur wiederzufinden ist?

Es war der große Architekt Ludwig Mies van der Rohe, der diesen Minimalismus ins Leben rief. Dabei folgte er seinem berühmten Motto „Weniger ist mehr”. Sein bekanntestes Bauwerk ist der deutsche Pavillon in Barcelona, den er 1929 verwirklichte. Deutlich ist sein Hang zum formalen Purismus und zur Kombination streng geometrischer Formen zu erkennen. Aber auch die Eleganz der Materialien wie Marmor, Onyx und Travertin sind bemerkenswert.
Dieser deutsche Architekt ist eine der besonders emblematischen Persönlichkeiten der modernen Architekturbewegung. Ebenso wie der französiche Architekt Le Corbusier, der als der größte Verfechter dieses Stils gilt und der im Laufe des 20. Jahrhunderts die Fundamente der modernen Architektur legte. Diese charakterisiert sich durch die Vereinfachung der Formen, der Rationalisierung der Raumgestaltung und durch die Suche nach dem Essentiellen. Verzierungen werden als überflüssig betrachtet, durch einfache Mittel versucht man, die Schönheit der Materialien, des Lichts und der geometrischen Formen wirken zu lassen.


Le Corbusier hat sich durch seine zahlreichen Reisen beeinflussen lassen, darunter auch einige, die ihn nach Algerien und Mallorca führten. Die mediterranen Einflüsse spiegelten sich in seinem Werk deutlich wider, wie beispielsweise in der Savoyen-Villa von 1929. Die Farbe Weiß ist allgegenwärtig, die einfachen voluminösen Formen ohne jegliche Verzierung sowie das flache Dach sind klare Beweise dafür, wie sehr sich der Architekt von der traditionellen mediterranen Architektur inspirieren ließ. Die ibizenkische Architektur entdeckte er durch die Schriftstücke und Skizzen seiner Mitstreiter, zu denen auch Josep Lluís Sert gehörte. Dieser katalanische Architekt hatte sich tief von der ibizenkischen Architektur beeinflussen lassen, seine Spuren hinterließ er beim Bau einiger Häuser, in denen man die Grundlagen seines Stils ablesen kann: Das Weiß als dominierende Farbe, die geraden Linien und der geometrische Purismus.
Ibiza hat ein wichtiges und abwechslungsreiches architektonisches Erbe zu bieten, was den unterschiedlichen Kulturen zu verdanken ist, die im Laufe der Zeit die Insel besiedelten. Das ibizenkische Bauernhaus definiert sich durch die dicken Wände, die kubenförmige Anordnung der Räume und die flachen Dächer, die von Holzbohlen gestützt werden. Dieser Baustil fügt sich nahtlos ein in eine lange Tradition des Mittleren Ostens, die in der neolithischen Ära begann. Sie entwickelte sich in Babylonien und Phönizien, von dort aus verbreitete sie sich an den Küsten des südlichen Mittelmeerraums. Das Weiß, die charakteristische Farbe dieser Bauernhäuser, ist eine Antwort auf das warme Klima der Insel. Denn tatsächlich reflektiert die weiße Farbe etwa neunzig Prozent der Sonnenstrahlen, wodurch das Haus innen kühl bleibt. Man mag es kaum glauben, aber neben ihrer Schönheit basierten diese Bauernhäuser schon immer auf den Grundlagen der Bioklimatologie!

Die hundertjährigen Häuser waren eine Quelle der Inspiration für viele berühmte Architekten. Auch Walter Gropius und Erwin Broner bewunderten die Modernität dieser traditionellen Architektur. Der deutsche Architekt und Maler Erwin Broner beispielsweise ließ sich 1959 auf der Insel nieder. In seinen Bauten, einem Haus in Sa Penya und einem anderen in Santa Gertrudis, gelang es ihm, die traditionelle Architektur mit modernsten Elementen zu kombinieren. Auch ein Architekt jüngeren Datums sollte genannt werden: 2001 verwirklichte Carlos Ferrater, ein Architekt aus Barcelona, eine neue Sicht auf die traditionelle Inselarchitektur: Sie zeigt sich in Bauwerken wie dem Haus Tagomago.
All diese hier aufgeführten Architekten erkannten und schätzten die Schönheit einer Architektur, die auf die Bedürfnisse der Menschen zugeschnitten und immer im Einklang mit der Natur ist. Ihre Großartigkeit entwickelte sich durch die Suche nach dem Wesentlichen. Es ist faszinierend zu sehen, dass diese Architektur noch sechshundert Jahre nach dem Bau des ersten ibizenkischen Bauernhauses in die Welt passt, die sie umgibt. In der minimalistischen Architektur suchen wir nach der Essenz, sowohl im Allgemeinen als auch in der Form. So kreieren wir einzigartige Lebensräume unter der Sonne, in denen jede Mauer zählt.