AUSGABE: April - Juni 2011

DIE WEHRKIRCHEN

Texto: Ketty Montero - Fotos: Ketty Montero, M. P. y E. J.
Zufluchtsorte zum Geb et und in Kriegszeiten



Piratenüberfälle waren bei der Bevölkerung Ibizas jahrhundertelang gefürchtet und führten dazu, dass beim Bau der Kirchen gleich zwei Aspekte mit berücksichtigt wurden: Sie sollten Tempel Gottes und Schutzburg zugleich sein. Daher die besondere Form der ibizenkischen Wehrkirchen, in denen sich Himmel und Erde, Frömmigkeit der Bauern und Furcht vor den maurischen Invasoren ineinander verwoben.



Von der afrikanischen Küste aus stachen die Piraten in See, um Sklaven, Vieh und Lebensmittel zu erbeuten. Die Chroniken der Santa María-Kirche verzeichnen so gut wie kein Jahr ohne Eintrag über Landungen der Türken oder Algerier. Wenn die Küsten- wachtürme durch Feuerzeichen Piratenalarm gaben, suchte die in Aussiedlerhöfen lebende Landbevölkerung eilig Schutz in den Kirchen.

Einige, wie z.B. die Kirche von Sant Miquel, haben die Art Burgkirche zum Vorbild, die Hernán Cortés bei seinen Eroberungszügen nach Mexiko brachte. Typisch für alle ist das massive, seitlich abgeschrägte Mauerwerk, wehrhafte Brüstungen auf den Flachdächern und völlig ohne Luken, wodurch sie für Angreifer ohne Artillerie praktisch uneinnehmbar waren. Der Säulengang oder auch „porxo“ [sprich: portschu] genannt, ist das charakteristischste Merkmal. Dort fanden die Familien Unterschlupf und Schutz vor den Piraten.




Zu Beginn des auf die katalanische Wiedereroberung folgende 14. Jahrhundert. wurde auf der Insel mit dem Bau der ersten vier Landkirchen begonnen. Die Araber hatten die Insel in vier „Quartons“, d.h. Bezirke unterteilt: Benizamit, Xarc [sprich: Schark], Portmany [sprich: portmain] und Algarb, eine Aufteilung, die beibehalten wurde. Zu diesen Bezirken gehörten die Kirchen. Fast immer war es die Landbevölkerung selbst, die den Klerus um Erlaubnis zum Bau einer Kirche ersuchten und sie dann auch selbst errichteten.

Ausgehend von einem rechteckigen Schiff fügte man mit der Zeit Kapellen, Säulengänge, Eingangsportale und ein Pfarrhaus hinzu. Auf dem begehbaren Flachdach installierte man zur Verteidigung Kanonen, bis zum Fall Elisabeth II.

Die 1568 eingeweihte Kirche von Santa Eulària ist bei weitem die schönste. Sie war dem „Königsbezirk“ (Xarc) zugeteilt. Auf der Hügelspitze des Puig den Missa errichtet, gleicht sie mit ihrem halbrunden, in das Bauwerk integrierten und bis Mitte des 19. Jhdts mit Kanonen bestückten Wachturm einer Festung. Der Säulengang weist mit einem dreifachen Torbogen zur Kirche hin und erinnert in seiner Form eindeutig an arabische Moscheen. Die Anlage wurde 1952 zum landschaftlich reizvollen Aussichtspunkt erklärt.

Die Kirche von Sant Miquel gehörte zum „Balanzat”-Bezirk (Benizamit) und ist die einzige der Insel mit einem Kreuzturm. Das Portal an der Südseite des Hauptschiffs war der Zugang für Männer; die Frauen betraten die Kirche durch eine Tür am Ende des Seitenschiffes. Lange Zeit galt strengste Geschlechtertrennung innerhalb des Gotteshauses. Vor der Säulenhalle befindet sich ein eingefriedeter Patio, der sich durch drei Bögen nach außen öffnet und inzwischen als Bühne für Folkloretänze dient.

Die Erlaubnis zum Bau der Kirche von Sant Antoni datiert aus dem Jahre 1305. Sie gehörte zum „Portmany-Bezirk”. Im 17. Jhdt unternahm man umfangreiche Ausbauten. Auch der Glockenturm wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut.



Sant Miquel


Santa Eulalia


Ea Cubells


Santa Gertrudis


Sant Jordi




Die Kirche von Sant Agustí (1798) gehörte zum Bezirk „Vedrà d’es Ribes“. Auf einer Anhöhe errichtet beherrscht sie das Dorfbild mit ihrem massiven Mauerwerk und Wehrturm. Nur die Kirche von Sant Jordi weist ebenfalls noch Zinnen auf.

Dank der historischen Besonderheiten der Insel kann man auch heute noch diese eigenwilligen Bauwerke bewundern, von denen der Architekt José Luis Sert sagte, es handle sich bei ihnen um einzigartige Monumente mit ganz eigenem Symbolcharakter.