AUSGABE: April - Juni 2010

WAS IST CO2 -HANDEL?

Ana Digón









Politiker fast aller Staaten der Welt waren im Dezember auf der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen vertreten, um über Mittel und Wege zu verhandeln, die den Treibhausgasausstoß drosseln, der als eine der Hauptursachen des bereits eingetretenen Klimachaos gesehen wird. Worum ging es bei den Diskussionen des Weltklima-Gipfels (United Nation Framework Convention on Climate Change/UNFCCC)? Was sind die zentralen Ziele? Welche Lösungsvorschläge enthält die Kopenhagener Vereinbarung? Wichtigstes Werkzeug ist der CO2-Handel. Dessen Fürsprecher gehen davon aus, dass er dabei helfen wird, die Emissionen zu senken. Bei niedrigsten Kosten. Außerdem erwarten sie, dass er die Investitionen in kohlenstoffarme Infrastrukturen stimuliert und Gelder generiert, mit denen die Entwicklungsländer den Klimawandel bekämpfen können.

Der CO2-Handel funktioniert wie die Börse. Aber bei dem, was gekauft und verkauft wird, dreht es sich um ein künstlich kreiertes Warengut: Das Recht, Treibhausgase (GHG) in die Atmosphäre zu blasen. Und das läuft so: Für jede Industrie wird eine Obergrenze, ein Limit bestimmt, wie viel Treibhausgas sie ausstoßen darf. Dahinter steht die Idee, diese Beschränkungen jedes Jahr zu senken, damit die Treibhausgasreduktionen langfristig angeregt wird. Sollte eine Industrie mehr CO2 ausstoßen als erlaubt, kann sie Emissionszertifikate von anderen kaufen, die ihr Kontingent noch nicht erreicht haben. Allein diese Festlegung der Obergrenzen löst bei manchen Menschen Besorgnis aus, denn Industrien, die traditionell für eine starke Kontaminierung der Atmosphäre sorgen, erhalten höhere Obergrenzen. Experten sagen, man erteile den großen Umweltverschmutzern damit sozusagen die „Lizenz für weitere Verschmutzung“. Sie können die Kontaminierung sogar noch steigern, wenn sie Emissionszertifikate in anderen Ländern der Welt einkaufen. Weitaus effektiver wäre es, Gesetze zu erlassen, die Industrien zwingen, nach weniger umweltschädlichen Lösungen zu suchen und in sie zu investieren.

Beim CO2-Handel geht es vor allem um den Kauf und Verkauf von Emissionszertifikaten. Diese ermöglichen es den Industriestaaten, ihre Limits einzuhalten, indem sie Entwicklungsländer für Treibhausgasreduktionsprojekte bezahlen. Diese Gelder werden vor allem durch den „Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung” (Clean Development Mechanism/CDM) verteilt. Dieser Plan belohnt Projekte, die zur Emissionsminderung beitragen. So kann zum Beispiel eine Fabrik in Indien Treibhausgasfilter auf ihre Schornsteine setzen, wodurch sie Emissionszertifikate erhält, die sie wiederum an europäische Firmen verkaufen kann, die mehr ausstoßen als ihr Limit erlaubt. Wobei man sich allerdings fragen muss, inwieweit der CDM-Plan den Ausstoß von Treibhausgasen dann tatsächlich mindert. Viele Experten bemängeln jedenfalls, dass er es nicht tut. Stattdessen kreiert man ein Handelsgut (Emissionszertifikate), das nur auf der Hoffnung basiert, die Emissionen zu senken und tauscht es gegen reale Emissionen ein. Zudem bemängeln viele Beobachter, dass der CDM vor allem in kohlenstoffreiche, und auf fossilen Brennstoffen beruhende Technologien investiert (z. B. Kohle), statt in nützliche CO2-arme. Dies könnte dazu führen, dass wir Wege beschreiten, die uns auf hohe Emissionen festnageln. Gewarnt wird auch davor, dass es die Armut in manchen ärmeren Ländern noch verstärken könnte. Denn ein Antrag auf die CDM-Fonds ist nicht unter 100.000 Dollar möglich, was bedingt, dass nur große Firmen darum konkurrieren können.






Eine andere Maßnahme, die den Emissionshandel erleichtert, ist das REDD-Programm (Reduced Emissions from Degradation and Deforestation), bei dem es um die Reduzierung von Emissionen durch Abholzung und die Schädigung von Wäldern geht. Dessen neuere Version, REDDplus, wird in der Kopenhagener Klimavereinbarung erwähnt. Mit diesem Plan soll vor allem Entwicklungsländern ein finanzieller Anreiz geboten werden, damit sie die Abholzung natürlich gewachsener Wälder einschränken und auf den Anbau von Nutzwäldern umsteigen. Denn auch so erhält man Emissionszertifikate, mit denen man handeln kann. Obwohl sich das nach einer großartigen Idee anhört, erinnern Experten daran, dass diese Praxis den Trend verstärkt, die wirklichen Umweltverschmutzer zu „bezahlen“. Denn wer viel Geld für Investitionen hat, dem eröffnen sich lukrative Verdienstmöglichkeiten. Ganz nebenbei können Industrieländer durch die zusätzlichen Emissionszertifikate mit ihrer Kontamination ungehindert fortfahren.




Bedauerlicherweise hat sich bereits gezeigt, dass der REDD-Plan auch die Vertreibung indigener Volksstämme begünstigt, da die Wälder, in denen sie leben, von ausländischen Firmen gekauft werden, nur um Emissionszertifikate zu ergattern. Dem REDD wird außerdem nachgesagt, er fördere in Ländern mit großen Tropenwäldern die Korruption und schlechte Regierungsführung. Anlass zur Sorge gibt außerdem, dass man längst die ersten Schritte unternommen hat, um zum Beispiel Palmölplantagen als „Wald“ zu deklarieren. Dies wird zur Folge haben, dass der Wert eines unberührten, natürlich gewachsenen Waldes auf dem Kohlenstoffmarkt mit dem einer Palmölmonokultur gleichgesetzt wird. Eine ernste Bedrohung für die Artenvielfalt, einheimische Spezies und andere Lebensgrundlagen.





Der Emissionshandel orientiert sich an der Marktlage und scheint kein Mittel zu sein, den Treibhausgasausstoß wirklich zu mindern. Im Vergleich zu anderen Maßnahmen, die Regierungen zur Verfügung stehen: Wie zum Beispiel eine Besteuerung, eine direkte Regulierung der Emissionen oder öffentliche Investitonen in Wirtschaftszweige, die auf kohlenstoffarme Technologien setzen. Experten befürchten zudem, dass die Komplexität des CO2-Handels und die darin verstrickten Spekulanten das Risiko einer „Emissionshandels-Blase” in sich bergen, die zu einem ähnlich ernsten oder noch schlimmeren globalen Finanz-Crash führen könnte, als der durch die Hypotheken-Krise schon ausgelöste.








Der Emissionshandel könnte somit nur als Vorwand dienen, um uns einzulullen und in der falschen Sicherheit zu wiegen, dass man tatsächlich effiziente Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen hat. Obwohl es vielleicht wieder einmal nur um die finanziellen Interessen einer Elite geht. Schon 2008 war der neue Markt 126 Billionen Dollar wert, 2020 könnten es jährlich 3,2 Trillionen sein. Und es sieht nicht danach aus, als könnten unsere Probleme durch diese Praxis tatsächlich gelöst werden. Eher dient sie dazu, den Lebensstil der reichen Länder zu erhalten und Gelder zu verschwenden, die man für sinnvollere Lösungen ausgeben könnte und sollte.






Die Klima-Wissenschaft erfordert eine klare Minderung der Emissionen und den Wechsel zu einer CO2-armen Wirtschaft, sowohl in den reichen Regionen als auch in den Ent-wicklungsländern der südlichen Halbkugel. Und es muss schnell geschehen, wenn wir einen katastrophalen Klimawandel verhindern wollen. Denn obwohl der Norden nur 15% der Weltbevölkerung stellt, ist er für 75% der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Viele reklamieren, dass diese Länder deshalb aufgrund ihrer moralischen Verpflichtung nicht nur den größeren Teil der Treibhausgasreduktionen übernehmen, sondern auch ausreichende Gelder zur Verfügung stellen sollten, um den Süden der Welt für die bereits eingetretenen Klimaereignisse zu entschädigen und um dort für eine „saubere“ Entwicklung zu sorgen.






Leider sind die Klimaverhandlungen durch all diese komplexen Zusammenhänge sehr festgefahren, eine weltweit bindende Vereinbarung, die zu einer systematischen Lösung unserer aktuellen Krise führen könnte, scheint weit entfernt. In der Zwischenzeit sollten wir, die Bewohner der reichen Länder, mit gutem Beispiel voran gehen, indem wir unser Konsumverhalten überprüfen und uns in unserem Alltagsleben für einen verantwortlichen Umgang mit unserem Planeten entscheiden. So zeigen wir unseren politischen Führern, dass wir bereit sind für den Wandel und die Opfer, die nötig sein werden, um künftigen Herausforderungen begegnen zu können. •

Text: Ana Digón