AUSGABE: Februar - April 2010

GEBURT ZU HAUSE

Uta Horstmann
Aus dem Bauch hinaus in die Welt, vom Wasser an die Luft, die erste große Reise...


















Ein kleines Menschenwesen wird geboren. Was gibt es Schöneres, als das eigene Baby zum ersten Mal zu erblicken, es in den Armen zu halten und seine weiche Haut zu spüren? Dieses frisch angekommene, feinfühlige Geschöpf dürfen wir als Eltern willkommen heißen. Es wurde uns anvertraut.

Das Licht der Welt erblicken die meisten Kinder Europas in einer Klinik. Es ist häufig das Neonlicht des Geburtszimmers oder ein abgedämpftes Licht in den fortschrittlichen Krankenhäusern und Geburtshäusern. Immer mehr Frauen entscheiden sich für eine Hausgeburt. „Dort, wo du dich als Mutter wohlfühlst, kannst du dein Kind am besten gebären”, sagte meine Hebamme als wir uns kennenlernten.

Meine Tochter kam zu Hause in unserem Tipi (Zelt der nordamerikanischen Indianer) zur Welt. Welch’ Glück! Sie durfte im Wald in Ibiza ihr Leben beginnen und in ihrem Tempo ohne Hektik den Weg aus meinem Bauch heraus finden. Das Erlebnis ihrer Geburt ist mir als zeitlos und unbeschreiblich intensiv in Erinnerung: eine Nacht und ein Tag in einer anderen Dimension – Erdverbundenheit und Schmerz, Getragensein und das Wissen, dass nur ich dieses Kind aus mir herausbringen kann.

Eine Geburt ist für viele Frauen ein großer Wachstumsschritt. Wenn wir ein Kind auf natürlichem Wege gebären, steigt unser Selbstvertrauen und das Vertrauen in Mutter Natur. Ein häufig schmerzvolles Ereignis, das im Nachhinein für unser Erinnerungsvermögen unfassbarerscheint: vor allem die Freudenmomente mit dem bereits geborenen Kind sind uns präsent.

Von Anfang an war für mich klar, dass ich eine Hausgeburt wollte. Ich stellte mir immer wieder vor, wie es wohl ist, so ganz frisch geboren die Welt zum ersten Mal wahrzunehmen. Für mein kleines Mädchen wünschte ich mir eine sanfte Ankunft. Sie sollte das hören, riechen und fühlen, was mir Geborgenheit bedeutet. Das Erste, was sie roch, fühlte und hörte waren das knisternde Feuer in unserem Tipi und unsere leisen Stimmen, die ihr ein Willkommenslied sangen. Das kleine, nackte und so pure Geschöpf hatte das Glück, auf natürliche Weise – ohne Wehenmittel und Anästhesie – auf die Welt zu kommen. Sofort gab die Hebamme mir meine noch ein bisschen glipschige Tochter in die Arme. Ich legte sie auf meinen Bauch, fühlte ihre Wärme, sah ihr so fein geformtes Gesicht, ihre groß er-scheinenden Hände und weinte gemeinsam mit ihrem Vater. Ein Wunder war geschehen...

Die Nabelschnur, die die Kleine neun Monate mit allem Nötigen versorgte und die eine sehr bedeutende Verbindung zu ihrer Mutter darstellte, wurde erst eine halbe Stunde nach der Geburt getrennt. Die kleinen Lungen füllten sich zum ersten Mal mit Sauerstoff und hatten Zeit sich an die lebenswichtige Funktion des Atmens zu gewöhnen. Der Papa durfte die Nabelschnur durchschneiden. Ich hatte den Luxus, von zwei Hebammen bei meiner Geburtsarbeit unterstützt zu werden. Eine der beiden, eine sehr gute Freundin, die extra aus Deutschland zur Geburt von meiner Tochter angereist war. Die Hebammen vermittelten mir Vertrauen und Sicherheit. Ich fühlte, dass sie nicht nur intuitives sondern auch enormes fachliches Wissen besitzen. Sie brachten mich in verschiedene Positionen, um meiner Tochter das „Schlüpfen” zu vereinfachen. Sie saß nämlich mit dem Kopf an meinem Schambeinknochen fest und es war deshalb eine etwas schwierige Geburt. Ich erinnere mich an das gemeinsame Atmen und Tönen, die Aufmunterungen und die mich streichelnden Hände: „Lass’ sie raus!”, „Vertraue. Mach’ auf!”

Die Geburt ist nun schon einige Zeit her. Jetzt liegt die kleine Maus neben mir – so wunderschön ist sie! Jeden Tag sieht sie größer und kräftiger aus. Ich bin unendlich dankbar. Ich bin dankbar für ihr Sein, dafür, dass ich ihre Mutter sein darf und dafür, dass ich so eine gute Hebammenbegleitung vor, während und nach der Geburt genießen konnte.

Eine Hebamme verkörpert unglaublich viel Frauenwissen. So können frisch gebackene Eltern viele wertvolle Hilfestellungen von ihrer Hebamme bekommen. Von der Geburtsvorbereitung mit speziellen Kräutern und Homöopathie über die vorbereitenden Körperübungen und die Geburtshilfe, bis hin zur Nachsorge des Neugeborenen und der Mutter.

Mittlerweile entscheiden sich jährlich ca. 20 Frauen auf Ibiza für eine Hausgeburt. Es gibt zwei Hebammen auf Ibiza, die zur Zeit freiberuflich tätig sind: Britta (Tel. 971 33 69 66, Handy: 610 44 25 53) und Estella.


Text: Uta Horstmann