AUSGABE: August - Oktober '08

DAS IBIZENKISCHE BAUERNHAUS





Daran gewöhnt, immer wieder von neuen Eroberern vereinnahmt zu werden, gelang es der ibizenkischen Bevölkerung, Traditionen und Brauchtum über viele Jahrhunderte hinweg zu bewahren. In der Abgeschiedenheit der ländlichen Gebiete entwickelten die Bauern eine Lebensart, deren ausgeprägte Charakteristika und Besonderheiten bis in die heutige Zeit überdauerten.



Wer einen Ausflug über die Insel macht, der wird von der einzigartigen Schönheit der traditionellen Bauernhäuser begeistert sein. In vollendeter Harmonie fügen sie sich in das Landschaftsbild. Ob es sich nun um die einfachen, aus Kuben zusammen gesetzten Gebäude handelt, oder um die zweistöckigen Bauernhäuser mit den Balkonen und Rundbögen – die Baustruktur unterscheidet sich nicht wesentlich voneinander.





Zum traditionellen Bauernhaus gehören der zentrale – gen Süden ausgerichtete – Wohnraum, der porxo. Direkt davor befindet sich eine Art Säulengang, porxet, der dem Haupteingang Schatten spendet. Die Küche, sa cuina, verfügt über einen großen Kamin, dessen Rauchabzug meist über eine ganze Wand reicht. Der große Steinofen, es forn, ist entweder an die Küche angegliedert oder an einem separaten Platz gebaut. Seine runde Kuppelform ist arabischen Ursprungs. Jedes Haus hat eine oder mehrere Zisternen, die sich in der Nähe des Eingangs befinden











oder in das Gebäude integriert sind. In ihnen wird das Regenwasser gesammelt, das von den Flachdännern über ein Rinnensystem in die Wasserreservoirs fließt. Vor den ersten Niederschlägen werden diese Rinnen mit einem sauberen Besen gesäubert. In den Vorratskammern, bodegas, befinden sich in einigen Häusern auch die Öl- oder Weinpressen. Die Ställe für die Tiere, corrales, liegen in unmittelbarer Nähe des Hauses.

Früher war es Sitte, das gesamte Gebäude in jedem Frühjahr sorgfältig zu kalken. Das ibizenkische Bauernhaus wurde von einigen Bewunderern bereits mit Palästen der antiken griechischen Epoche verglichen – autark und perfekt an die Lebens-umstände seiner Bewohner angepasst.

Jedes Bauernhaus trägt einen speziellen Namen, in vielen Fällen den seines Erbauers. Da sich aber die Nachnamen der ibizenkischen Ureinwohner aufgrund ihrer Blutsverwandschaft oft wiederholen – bei einer Volkszählung im Jahr 1880 hatte etwa die Hälfte der Inselbewohner die Nachnamen Tur, Ribas, Juan, Guasch, Bonet oder Prats – war es üblich, Spitznamen zu erfinden, die von der geografischen Lage des Familiengrundstücks, von Tieren, Pflanzen, dem Beruf oder einem charakteristischen Merkmal der betroffenen Person abgeleitet wurden. So konnten die Bauernhöfe unterschieden werden.





Auch die Wehrtürme sind typisch für die traditionelle Bauweise, die auf Ibiza über Jahrhunderte bewahrt wurde. Sowohl an der Küste als auch im Inselinneren sind diese runden Türme aus Naturstein zu finden. Wurde ein türkisches oder nordafrikanisches Piratenschiff vor der Küste gesichtet, entzündete man auf ihnen Warnfeuer, um die Bevölkerung zu alarmieren. Drohte Gefahr, flüchteten die Insulaner in die Festungskirchen oder ein sicheres Haus. Das Dorf Balafi im Norden der Insel ist mit seinen Wehrtürmen das schönste Beispiel dieser außergewöhnlichen Architektur.