AUSGABE: Dezember '07 - Februar '08

YOGA

Nora Belton














“Ein Artikel über Yoga in einer Immobilienzeitschrift? Wozu?”
Nun, es gibt doch nichts Grundlegenderes im Leben als ein Zuhause, ein Heim. Ein fester Bau, der Schutz und Wohlbehagen bietet. Wir hegen, pflegen und schmücken es; es ist unsere Zuflucht, ein Ort, an dem wir aufwachen und zu dem wir abends zurückkehren. Wir Menschen wohnen in Häusern und die Seele des Menschen wohnt in seinem Körper. Unser Körper ist unser Heim, unser Tempel. Ein Schüler fragte eines Tages seinen Meister: “In welchem Tempel soll ich beten?” und der Meister antwortete: “Dein eigener Körper ist der beste aller Tempel, der höchste Tempel Gottes.”







Unser ganzes Leben erfahren wir auf irgendeine Art und Weise durch unseren Körper. Wir “kennen” es durch unseren Körper, Geist und unser Herz. Die Asanas, d. h. Körperhaltungen im Yoga, “berichten” auf jeder Ebene von unserem Wesen.










Yoga ist eine zeitgemäße Übung. Es heilt, stützt, lehrt und bietet Zuflucht zugleich; es befreit, stärkt und tröstet.

Die Beliebtheit von Yoga in der heutigen Zeit ist ein Beweis für dessen Zeitlosigkeit. Für mich gibt es kein “richtiges” oder “falsches” Yoga, nur ein “wirksames” oder “weniger wirksames”. Der Dalai Lama sagte einmal sehr weise: “Jedes Land hat seinen Lieblings-käse”. Ähnlich gibt es Yoga-Übungen für jedes Temperament. Ich empfehle stets. dass “Yoga Shopping”, bis man einen Meister und Stil findet, der einem zusagt. Kein Problem auf Ibiza, denn auf einer Insel, die dafür bekannt ist, der Individualität größtmöglichen Freiraum zu gewähren, findet man die unterschiedlichsten Meister.




Die alten Schriften wie die Yoga-Sutras von Patanjali, die Upanishaden und die Bhagavad-Gita beschreiben das “Wie und Warum” des Yoga, das “Tun oder Lassen”. Die Auslegung kann strikt oder weit sein, aber der einzige mit Yoga nicht vereinbare Lebensstil ist der ungesunde. Letzten Endes steht man vor der Wahl zwischen durchfeierten Nächten und der entschlackenden Wirkung der Yoga-Übungen.









Yoga ist eine umfassende Wissenschaft; doch jeder Teil des Ganzen trägt den Samen der Gesamtheit an sich. Gleich welchen Yoga-Zweig man wählt, sei es Karma-Yoga für Aktive und am Dienst für die Mitmenschen Orientierte, Bhakti für emotionale Wege Beschreitende, oder das Jnana für Intellektuelle – alle Wege führen nach Rom, wie man sagt. Es gibt zwar umfangreiche Literatur über die Yoga-Philosophie, aber man muss kein großer Leser sein, um die Lehren zu verstehen. Der hingebungsvolle Gesang (einer meiner Favoriten) öffnet das Herz. Musikalität ist jedoch keine Voraussetzung. Die Fähigkeit zur Meditation ist das Ziel einer körperlichen Harmonie, die man durch die Übungen des Hatha-Yoga erreicht. Man kann jedoch nach eigenem Gutdünken beginnen, ob bei “a”, “b”, “c” oder “zurück zum Anfang”. Mein langjähriger Meister und Guru, Gurumayi Chidvilasananda, sagt: “Wenn du nicht alle Übungen machen kannst, wähle eine, die du gerne machst und übe täglich mit Hingabe, dann wird sie Früchte tragen.”










Die Lektionen und deren Wirkung sind Bestandteil der Übung. Es ist eine sanfte Reinigung auf mentaler, emotionaler und physischer Ebene, eine Art Alchemie. Manchmal setzt die Wirkung sofort ein: des öfteren habe ich eine Sitzung schlecht gelaunt begonnen und vollkommen entspannt beendet. Andere Male macht sich die Wirkung erst später bemerkbar, hält jedoch länger an. In jedem Fall fühlt es sich irgendwie wunderbar an.





SPIRITUALITÄT UND PHILOSOPHIE

Zur geistigen Vorstellungskraft ist keine körperliche Fitness erforderlich, wenngleich für mich das Ausschöpfen meiner körperlichen Möglichkeiten selbst ein spiritueller Vorgang ist. Yoga lehrt uns, Gott in allem und jedem zu sehen. Es hilft uns, unser Wesen zu finden und zu erkennen, es zu ehren. Es gibt uns Werkzeuge an die Hand und vermittelt Verständnis für das Leben “auf der Welt”; zeigt, wie man sein Leben, Pflichten und Verantwortung mit Mitgefühl, Toleranz und Effizienz vereinbart, und seinem ganz persönlichen, im Bhagavad-Gita genannten “Krieg” begegnet; wie man Frieden in einer hektischen Welt erleben, einfach glücklich sein kann. Der im berühmten epischen Kampf beschriebene Krieger ist ein glücklicher Krieger.








Hatha-Yoga Übungen lassen ein Gefühl der Freiheit im Körper entstehen, der unseren Zustand des Angebundenseins an eine materielle Existenz darstellt. Man lernt das Wirken der Naturelemente durch uns und in uns erkennen und schätzen. Yoga-Übungen imitieren den Puls des Lebens selbst und fließen im Rhythmus von Aktivität und Passivität, Bewegung und Ruhe.

Hatha-Yoga ist die Wiedergabe der Anstrengung und des Willens, die uns letztendlich mit dem ewigen Teil unseres Selbst vereinen. Es ist die Form, die zur Nichtform führt.













Durch meine Übungen habe ich flüchtige Momente eines höheren Bewusstseins erfahren, sowie etwas Unbeschreibliches, das mich stets erneut dazu bewegt “in dieser Welt und doch nicht von ihr zu sein”. Mit der Zeit hat sich Yoga in meinem Leben weiter entwickelt; aus einer intelligenten und vertrauten Art der Übung entstand eine stete Verbindung, mit einem gleichzeitigen Gefühl der Bewunderung und des Respekts vor mir selbst.













Nora Belton
Ausbildung für Yogalehrer
noraibiza@yahoo.com.